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Sonntag, 15. November 2015

"Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt" (lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit - Titus Maccius Plautus)



Da sitze ich nun, fassungslos vor dem Fernseher und lasse die immer neuen Information auf mich niederprasseln. 18 Tote, 30 Tote, Bombenexplosionen, Schießereien und eine Geiselnahme während eines Rockkonzertes. Ach ja, da war ja noch das Fußballspiel, aber darüber spricht am Ende wirklich keiner mehr. Viel zu schwer lasten die anderen Ereignisse in Paris auf diesem Abend. Viel zu schwer auch für mich und wahrscheinlich Millionen anderer Menschen, die gerade nicht fassen können, was da passiert, mal wieder live auf dem Bildschirm, mal wieder aus der vermeintlichen Sicherheit der eigenen vier Wände. Stand Sonntagabend sind 129 Menschen gestorben, hunderte weitere verletzt.

Und natürlich versucht man irgendwie die Eindrücke zu verarbeiten, möchte seine Trauer und Anteilnahme ausdrücken und tut es dann über die sozialen Medien. "Je suis Paris" heißt es dann und es werden wieder die Profilbilder angepasst, diesmal in Form der französischen Flagge. Ich kann aus meiner Perspektive nicht beurteilen, ob das den Menschen in Paris und Frankreich wirklich hilft. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Man kann angesichts dieses brutalen Anschläge doch nicht einfach nichts tun, also tut man etwas symbolisches.

Und schon tauchen neue Fragen auf: Warum ist man nicht genauso erschüttert und reagiert genauso, wenn anderswo doch genauso viele oder noch mehr Menschen sterben? Sind die Toten Russen, Iraker, Syrer, Libanesen, Türken etc. weniger wert? Nein, sind sie natürlich nicht. Aber wir sind Menschen. Wir sind natürlich erschüttert über den sinnlosen Tod von allen Menschen, jedoch macht man automatisch eine Unterscheidung. Vielleicht muss man dies sogar machen, damit man nicht irgendwann vor lauter Trauer den Verstand verliert. Fakt ist, dass man sich Menschen aus dem gleichen Kultur- und Wertesystem verbundener fühlt. Man macht sich ihnen gleich. Demzufolge trifft es einen auch umso härter, wenn in diesem gemeinsamen Kultur- und Wertesystem ein schweres Unglück geschieht. Schließlich hätte man genauso gut selbst oder jemand den man kennt und liebt davon betroffen sein können. Das macht die Tode, wie gesagt nicht wichtiger, es macht sie einem aber umso bewusster.



Ich habe mein Profilbild nicht verändert. Ich "bin" auch nicht Paris. Ich bin einfach ein Mensch, der von diesen Eindrücken erschüttert und überwältigt ist. Ich schreibe lieber diese Zeilen hier. Ist das besser? Ist das schlechter? Ich weiß es nicht... Es gibt viele Sachen, die wir aktuell nicht wissen. 100 Fragen hat Jan Böhmermann dazu auf Facebook gestellt und meiner Ansicht nach einen Nerv getroffen, in dem er aufzeigt, wie wenig wir eigentlich trotz unserer ultravernetzten Welt wissen.

Leider weiß man dann doch eine Sache sicher: Es wird Menschen geben, die diese Ereignisse für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Schon kursieren erste Aussagen von Rechten und Konservativen in den sozialen Netzwerken, die mal wieder einen direkten Zusammenhang zwischen der Flüchtlingskrise und dem Terrorismus herstellen wollen oder nach einer Verschärfung der Gesetze rufen.

Es gibt aber zum Glück auch diejenigen, sich diesen Menschen entgegen stellen und versuchen, ihnen zu erklären, dass es gerade diese Menschen sind, vor denen die Flüchtlinge flüchten. Auch ist dies kein Argument, jetzt alle Flüchtlinge auszusperren "denn da sind ja auch Terroristen drunter". Ich für meinen Teil möchte es nicht verantworten, tausenden Menschen ihr Recht auf Asyl und ein sicheres Leben zu verwehren, weil irgendwelche fehlgeleiteten Extremisten (sowohl rechts, als auch islamisch) uns dazu nötigen wollen.

Aus meiner Sicht ist es allerdings das wichtigste, dass im Anschluss an die Anschläge keine übereilten Maßnahmen ergriffen werden. Man könnte jetzt natürlich noch härter militärisch gegen den IS vorgehen, noch mehr Bomben werfen, noch mehr Waffen an deren Feinde liefern, aber würde das wirklich etwas bringen? Würde das die Terroristen nicht nur noch entschlossener machen?

Würde es nicht viel mehr Sinn machen, endlich die Ursachen der Radikalisierung anzugehen? Das ist natürlich ungemein schwieriger, aber würde das Problem vermutlich langfristig lösen. Ich weiß selbst, dass solche Worte einfach gesagt sind und dass schon diverse Generationen vor uns daran gescheitert sind, Frieden und Stabilität in den nahen Osten zu bringen und natürlich habe ich nicht einmal im Ansatz eine Lösung für das Problem parat, aber gerade diese Anschläge sollten uns die Notwendigkeit einer solchen Lösung noch einmal bewusst machen. Leider ist es sehr tragisch, dass es dazu erst eines solchen Angriffs vor unserer Haustür bedarf.