Da sitze ich nun, fassungslos vor dem Fernseher und lasse
die immer neuen Information auf mich niederprasseln. 18 Tote, 30 Tote,
Bombenexplosionen, Schießereien und eine Geiselnahme während eines
Rockkonzertes. Ach ja, da war ja noch das Fußballspiel, aber darüber spricht am
Ende wirklich keiner mehr. Viel zu schwer lasten die anderen Ereignisse in
Paris auf diesem Abend. Viel zu schwer auch für mich und wahrscheinlich Millionen
anderer Menschen, die gerade nicht fassen können, was da passiert, mal wieder live
auf dem Bildschirm, mal wieder aus der vermeintlichen Sicherheit der eigenen
vier Wände. Stand Sonntagabend sind 129 Menschen gestorben, hunderte weitere
verletzt.
Und natürlich versucht man irgendwie die Eindrücke zu
verarbeiten, möchte seine Trauer und Anteilnahme ausdrücken und tut es dann
über die sozialen Medien. "Je suis Paris" heißt es dann und es werden
wieder die Profilbilder angepasst, diesmal in Form der französischen Flagge.
Ich kann aus meiner Perspektive nicht beurteilen, ob das den Menschen in Paris
und Frankreich wirklich hilft. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach
auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Man kann angesichts dieses brutalen Anschläge
doch nicht einfach nichts tun, also tut man etwas symbolisches.
Und schon tauchen neue Fragen auf: Warum ist man nicht
genauso erschüttert und reagiert genauso, wenn anderswo doch genauso viele oder
noch mehr Menschen sterben? Sind die Toten Russen, Iraker, Syrer, Libanesen,
Türken etc. weniger wert? Nein, sind sie natürlich nicht. Aber wir sind
Menschen. Wir sind natürlich erschüttert über den sinnlosen Tod von allen
Menschen, jedoch macht man automatisch eine Unterscheidung. Vielleicht muss man
dies sogar machen, damit man nicht irgendwann vor lauter Trauer den Verstand
verliert. Fakt ist, dass man sich Menschen aus dem gleichen Kultur- und
Wertesystem verbundener fühlt. Man macht sich ihnen gleich. Demzufolge trifft
es einen auch umso härter, wenn in diesem gemeinsamen Kultur- und Wertesystem ein
schweres Unglück geschieht. Schließlich hätte man genauso gut selbst oder
jemand den man kennt und liebt davon betroffen sein können. Das macht die Tode,
wie gesagt nicht wichtiger, es macht sie einem aber umso bewusster.
Ich habe mein Profilbild nicht verändert. Ich
"bin" auch nicht Paris. Ich bin einfach ein Mensch, der von diesen Eindrücken
erschüttert und überwältigt ist. Ich schreibe lieber diese Zeilen hier. Ist das
besser? Ist das schlechter? Ich weiß es nicht... Es gibt viele Sachen, die wir
aktuell nicht wissen. 100 Fragen hat Jan Böhmermann dazu auf Facebook gestellt
und meiner Ansicht nach einen Nerv getroffen, in dem er aufzeigt, wie wenig wir
eigentlich trotz unserer ultravernetzten Welt wissen.
Leider weiß man dann doch eine Sache sicher: Es wird
Menschen geben, die diese Ereignisse für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Schon
kursieren erste Aussagen von Rechten und Konservativen in den sozialen Netzwerken,
die mal wieder einen direkten Zusammenhang zwischen der Flüchtlingskrise und dem Terrorismus herstellen wollen oder nach einer Verschärfung der Gesetze rufen.
Es gibt aber zum Glück auch diejenigen, sich diesen Menschen
entgegen stellen und versuchen, ihnen zu erklären, dass es gerade diese
Menschen sind, vor denen die Flüchtlinge flüchten. Auch ist dies kein Argument,
jetzt alle Flüchtlinge auszusperren "denn da sind ja auch Terroristen
drunter". Ich für meinen Teil möchte es nicht verantworten, tausenden
Menschen ihr Recht auf Asyl und ein sicheres Leben zu verwehren, weil
irgendwelche fehlgeleiteten Extremisten (sowohl rechts, als auch islamisch) uns
dazu nötigen wollen.
Aus meiner Sicht ist es allerdings das wichtigste, dass im
Anschluss an die Anschläge keine übereilten Maßnahmen ergriffen werden. Man
könnte jetzt natürlich noch härter militärisch gegen den IS vorgehen, noch mehr
Bomben werfen, noch mehr Waffen an deren Feinde liefern, aber würde das
wirklich etwas bringen? Würde das die Terroristen nicht nur noch entschlossener
machen?
Würde es nicht viel mehr Sinn machen, endlich die Ursachen
der Radikalisierung anzugehen? Das ist natürlich ungemein schwieriger, aber
würde das Problem vermutlich langfristig lösen. Ich weiß selbst, dass solche
Worte einfach gesagt sind und dass schon diverse Generationen vor uns daran
gescheitert sind, Frieden und Stabilität in den nahen Osten zu bringen und
natürlich habe ich nicht einmal im Ansatz eine Lösung für das Problem parat,
aber gerade diese Anschläge sollten uns die Notwendigkeit einer solchen Lösung
noch einmal bewusst machen. Leider ist es sehr tragisch, dass es dazu erst eines
solchen Angriffs vor unserer Haustür bedarf.