Das Jahr
neigt sich dem Ende und es ist wieder einmal die Zeit für Rückblicke. Dabei
will ich gar nicht darauf eingehen, wie viele bekannte und geschätzte Persönlichkeiten
von uns gegangen sind und wie tragisch das alles ist. Was mir für 2016 in
Erinnerung bleibt, ist hauptsächlich ein Gefühl der Enttäuschung.
Enttäuschung
darüber, was die Menschen zu glauben bereit sind und was die Menschen tun, wenn
man Ihnen nur erzählt, was sie hören wollen. „Postfaktisch“ ist das Schlagwort
der Stunde. Es ist der Versuch, greifbar zu machen, was die sogenannte Elite
lange Zeit nicht verstanden hat. Tatsachen zählen nicht mehr. Alles ist nur
noch eine Meinung und die kann von Perspektive zu Perspektive abweichen und jede
Meinung ist von Natur aus einer anderen gleichberechtigt.
Ein großartiges Beispiel lieferte Newt Gingrich im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf
Wenn
alles eine Meinung ist, dann werden jedoch Stimmungen zu
Entscheidungsgrundlagen ohne zu berücksichtigen, auf welchem Wahrheitsgehalt
diese beruhen. Die Realität ist somit nicht mehr, als ein subjektiver Eindruck eines
einzelnen. Sie entzieht sich dadurch einer objektiven Beurteilung und verliert
dadurch ihre Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs. Wenn jeder nur noch auf
Basis seiner eigenen Realität diskutiert, wie kann man da jemals zu einer
gemeinschaftlichen Lösung kommen?
Im Kern
fängt dieses Problem damit an, dass Menschen oft nur das glauben und weitererzählen, von dem sie von vornherein schon überzeugt sind. Dies gilt für
alle Teilnehmer des intellektuellen Spektrums. Das Problem an der Sache ist,
dass man es für immer weniger relevant hält, die Quelle und damit den
Wahrheitsgehalt der Nachricht zu prüfen. Ich bin eh schon der Meinung, dass Ausländer
uns die Frauen/Arbeitsplätze/Hartz4 wegnehmen? Dann stimmt das bestimmt auch,
dass die alle klauen, gewalttätig sind und Frauen belästigen. Hat doch
schließlich in der Facebookgruppe der X aus Y selbst erzählt, dass seine
Cousine so gerade noch mit dem Leben davongekommen ist, als sie an einer
Flüchtlingsunterkunft vorbeigegangen ist…
Und als
ob dieses bestimmt nicht unbekannte Muster nicht schon genug wäre, so haben jetzt
auch Politiker dieses Mittel ins Herz geschlossen und interessieren sich nun
ganz offensichtlich einen feuchten Dreck für Fakten und gehen voll in der
populistischen Stimmungsmacherei auf.
Bestes Beispiel
war die Abstimmung zum „Brexit“. Viele Briten fühlten sich von der Regierung im
Stich gelassen und hatten keinen Anteil an der Verbesserung der
wirtschaftlichen Gesamtsituation. Diese Stimmung griffen die Brexit-Befürworter
auf und schoben die Verantwortung dafür der EU zu. Zusätzlich erfand man
einfach noch ein paar Zahlenspiele (soundso-viele Millionen Pfund gehen in die EU, wir schieben das lieber ins Gesundheitssystem) und schon brachte man die
Anti-EU-Stimmungsmaschine ins Rollen. Die Leute wurden auf der emotionalen
Ebene abgeholt und mit einem rundum Sorglos Paket versorgt, da konnten die
alten Parteien mit ihren langweiligen „Fakten“ (die ja inzwischen auch nur eine
Meinung waren) nicht gegen anstinken. Außerdem konnte man deren Fakten ja eh
nicht trauen, weil sie ja schließlich von denen stammten und somit so
manipuliert wurden, dass sie ihnen passten.
Dasselbe
Prinzip hat sich dann erschreckenderweise auch noch einmal in den USA
durchgesetzt. Dort hat auch der Kandidat gewonnen, der es verstanden hat, dass
Fakten viel weniger wichtig sind, als ein selbstgezeichnetes Bild der
Gesellschaft und von sich selbst. Wenn man dieses Narrativ nur oft genug
wiederholt, dann glauben die Leute auch irgendwann daran. Offensichtlich sogar so
sehr, dass selbst die gröbsten Verfehlungen des Vertreters dieses Narrativs in
den Hintergrund rücken und im Zweifel sogar zum Teil ebendiesen Narrativs
werden.
Für die
eher faktenorientierten Menschen ist dies natürlich ein Schlag ins Gesicht. Wie
soll man solchen Leuten etwas entgegensetzen, wenn noch nicht einmal harte
Fakten als solche akzeptiert werden? So kann jeder einfach etwas behaupten,
muss es noch nicht einmal beweisen und selbst Wiederlegungen und Gegenbeweise
werden einfach mit einem „Falsch!“ (oder Wrong!) zurückgewiesen und es wird
einfach so hingenommen. Und als ob das nicht schon genug wäre, geben diese
Leute nach ihren Erfolgen auch noch zu, dass sie vorher eigentlich ganz schön
viel Unsinn erzählt haben und selbst das scheint die Anhänger nicht im Geringsten
zu jucken.
All das
lässt mich nicht nur stark am geistigen Zustand unserer Gesellschaft zweifeln sondern
auch ein wenig um die Zukunft fürchten. Wo soll das noch hinführen, wenn wir
nur noch nach dem entscheiden, was andere für das halten, was wir hören wollen
ohne uns bei denen rückzuversichern, die uns sagen, was wir wissen müssen? Oh
man, was für ein Satz… Was ich damit meine ist, dass ich es für unglaublich
gefährlich halte, dass den Menschen zunächst ein völlig haltloses Narrativ ins
Hirn gepflanzt wird, für das man dann selbst, oh Wunder, die passende Lösung
parat hat. Dass diese aber mit der Realität (der guten alten objektiven
Realität von früher) nichts mehr zu tun hat und somit kein Bisschen zur Bewältigung
der (evtl. sogar erfundenen) Probleme beitragen kann bzw. sie sogar verschlimmert,
ist dabei egal.
Auf
diese Weise wird leider populistischen Ideen und Vorstellungen Tür und Tor
geöffnet, die eigentlich überwunden zu sein schienen.
Aktuell
wird nun mittels der Diskussion über „Fake-News“ und deren wie auch immer gearteten Eindämmung versucht, der Sache ein wenig Herr zu werden. Ich habe
keine Ahnung, ob dies wirklich gelingen kann und wie effektiv dies sein wird.
Die Funktionsweise ist klar, man hofft so, dem Narrativ seine Grundlage zu
entziehen und damit auch der Legitimation der Populisten. Allein, wer ist die
Instanz, die entscheidet, was „Fake-News“ sind und was nicht? Was sind die
Maßstäbe dafür? Wie ist die Akzeptanz dieser Instanz? Wenn Facebook ein Posting als „Fake“ kennzeichnet, wen interessiert das in dieser postfaktischen Welt
dann noch? Ist doch schließlich nur eine Meinung von Facebook, die von der
eigenen, mindestens gleichwertigen abweicht. Wenn ich somit für mich
entscheide, dieser Nachricht zu glauben, dann interessiert mich die
Einschätzung von Mark Zuckerberg herzlich wenig, im Zweifel bestätigt sie mich
sogar in meiner Ansicht, da Facebook mit „denen“ ja unter einer Decke steckt.
Nichtsdestotrotz
ist dies immerhin ein Ansatz, der vielleicht zumindest einige innehalten und
nachdenken lässt. Und vielleicht haben wir ja Glück, und es kommt relativ
schnell ans Licht, dass dieses Prinzip nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit
hat. Wenn z.B. Großbritannien feststellen muss, dass es doch ziemlich auf die EU angewiesen ist und man sich an gewissen Regeln halten muss, wenn man weiterhin wirtschaftlich zusammenarbeiten will (nur von nun an ohne
Mitspracherecht).
Oder
wenn der neugewählte Amerikanische Präsident feststellt, dass seine Pläne an nicht überwindbaren Hürden (man könnte auch von Mauern sprechen) scheitern und
wirtschaftliche Drohungen auch von der Gegenseite kommen können.
Leider
wird dies auf dem Rücken der restlichen Welt ausgetragen werden müssen und noch
ist nicht abzusehen, ob dies weltwirtschaftliche Folgen haben wird und wie
diese ausfallen werden.
Hoffen
wir auf das Beste, etwas Anderes bleibt uns leider nicht übrig.