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Donnerstag, 29. Dezember 2016

2016 – Odyssee im Wahnsinn




Das Jahr neigt sich dem Ende und es ist wieder einmal die Zeit für Rückblicke. Dabei will ich gar nicht darauf eingehen, wie viele bekannte und geschätzte Persönlichkeiten von uns gegangen sind und wie tragisch das alles ist. Was mir für 2016 in Erinnerung bleibt, ist hauptsächlich ein Gefühl der Enttäuschung.

Enttäuschung darüber, was die Menschen zu glauben bereit sind und was die Menschen tun, wenn man Ihnen nur erzählt, was sie hören wollen. „Postfaktisch“ ist das Schlagwort der Stunde. Es ist der Versuch, greifbar zu machen, was die sogenannte Elite lange Zeit nicht verstanden hat. Tatsachen zählen nicht mehr. Alles ist nur noch eine Meinung und die kann von Perspektive zu Perspektive abweichen und jede Meinung ist von Natur aus einer anderen gleichberechtigt.

Ein großartiges Beispiel lieferte Newt Gingrich im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf

 

Wenn alles eine Meinung ist, dann werden jedoch Stimmungen zu Entscheidungsgrundlagen ohne zu berücksichtigen, auf welchem Wahrheitsgehalt diese beruhen. Die Realität ist somit nicht mehr, als ein subjektiver Eindruck eines einzelnen. Sie entzieht sich dadurch einer objektiven Beurteilung und verliert dadurch ihre Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs. Wenn jeder nur noch auf Basis seiner eigenen Realität diskutiert, wie kann man da jemals zu einer gemeinschaftlichen Lösung kommen?

Im Kern fängt dieses Problem damit an, dass Menschen oft nur das glauben und weitererzählen, von dem sie von vornherein schon überzeugt sind. Dies gilt für alle Teilnehmer des intellektuellen Spektrums. Das Problem an der Sache ist, dass man es für immer weniger relevant hält, die Quelle und damit den Wahrheitsgehalt der Nachricht zu prüfen. Ich bin eh schon der Meinung, dass Ausländer uns die Frauen/Arbeitsplätze/Hartz4 wegnehmen? Dann stimmt das bestimmt auch, dass die alle klauen, gewalttätig sind und Frauen belästigen. Hat doch schließlich in der Facebookgruppe der X aus Y selbst erzählt, dass seine Cousine so gerade noch mit dem Leben davongekommen ist, als sie an einer Flüchtlingsunterkunft vorbeigegangen ist…
Und als ob dieses bestimmt nicht unbekannte Muster nicht schon genug wäre, so haben jetzt auch Politiker dieses Mittel ins Herz geschlossen und interessieren sich nun ganz offensichtlich einen feuchten Dreck für Fakten und gehen voll in der populistischen Stimmungsmacherei auf.
Bestes Beispiel war die Abstimmung zum „Brexit“. Viele Briten fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen und hatten keinen Anteil an der Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtsituation. Diese Stimmung griffen die Brexit-Befürworter auf und schoben die Verantwortung dafür der EU zu. Zusätzlich erfand man einfach noch ein paar Zahlenspiele (soundso-viele Millionen Pfund gehen in die EU, wir schieben das lieber ins Gesundheitssystem) und schon brachte man die Anti-EU-Stimmungsmaschine ins Rollen. Die Leute wurden auf der emotionalen Ebene abgeholt und mit einem rundum Sorglos Paket versorgt, da konnten die alten Parteien mit ihren langweiligen „Fakten“ (die ja inzwischen auch nur eine Meinung waren) nicht gegen anstinken. Außerdem konnte man deren Fakten ja eh nicht trauen, weil sie ja schließlich von denen stammten und somit so manipuliert wurden, dass sie ihnen passten.
Dasselbe Prinzip hat sich dann erschreckenderweise auch noch einmal in den USA durchgesetzt. Dort hat auch der Kandidat gewonnen, der es verstanden hat, dass Fakten viel weniger wichtig sind, als ein selbstgezeichnetes Bild der Gesellschaft und von sich selbst. Wenn man dieses Narrativ nur oft genug wiederholt, dann glauben die Leute auch irgendwann daran. Offensichtlich sogar so sehr, dass selbst die gröbsten Verfehlungen des Vertreters dieses Narrativs in den Hintergrund rücken und im Zweifel sogar zum Teil ebendiesen Narrativs werden.

Für die eher faktenorientierten Menschen ist dies natürlich ein Schlag ins Gesicht. Wie soll man solchen Leuten etwas entgegensetzen, wenn noch nicht einmal harte Fakten als solche akzeptiert werden? So kann jeder einfach etwas behaupten, muss es noch nicht einmal beweisen und selbst Wiederlegungen und Gegenbeweise werden einfach mit einem „Falsch!“ (oder Wrong!) zurückgewiesen und es wird einfach so hingenommen. Und als ob das nicht schon genug wäre, geben diese Leute nach ihren Erfolgen auch noch zu, dass sie vorher eigentlich ganz schön viel Unsinn erzählt haben und selbst das scheint die Anhänger nicht im Geringsten zu jucken.


All das lässt mich nicht nur stark am geistigen Zustand unserer Gesellschaft zweifeln sondern auch ein wenig um die Zukunft fürchten. Wo soll das noch hinführen, wenn wir nur noch nach dem entscheiden, was andere für das halten, was wir hören wollen ohne uns bei denen rückzuversichern, die uns sagen, was wir wissen müssen? Oh man, was für ein Satz… Was ich damit meine ist, dass ich es für unglaublich gefährlich halte, dass den Menschen zunächst ein völlig haltloses Narrativ ins Hirn gepflanzt wird, für das man dann selbst, oh Wunder, die passende Lösung parat hat. Dass diese aber mit der Realität (der guten alten objektiven Realität von früher) nichts mehr zu tun hat und somit kein Bisschen zur Bewältigung der (evtl. sogar erfundenen) Probleme beitragen kann bzw. sie sogar verschlimmert, ist dabei egal.
Auf diese Weise wird leider populistischen Ideen und Vorstellungen Tür und Tor geöffnet, die eigentlich überwunden zu sein schienen.

Aktuell wird nun mittels der Diskussion über „Fake-News“ und deren wie auch immer gearteten Eindämmung versucht, der Sache ein wenig Herr zu werden. Ich habe keine Ahnung, ob dies wirklich gelingen kann und wie effektiv dies sein wird. Die Funktionsweise ist klar, man hofft so, dem Narrativ seine Grundlage zu entziehen und damit auch der Legitimation der Populisten. Allein, wer ist die Instanz, die entscheidet, was „Fake-News“ sind und was nicht? Was sind die Maßstäbe dafür? Wie ist die Akzeptanz dieser Instanz? Wenn Facebook ein Posting als „Fake“ kennzeichnet, wen interessiert das in dieser postfaktischen Welt dann noch? Ist doch schließlich nur eine Meinung von Facebook, die von der eigenen, mindestens gleichwertigen abweicht. Wenn ich somit für mich entscheide, dieser Nachricht zu glauben, dann interessiert mich die Einschätzung von Mark Zuckerberg herzlich wenig, im Zweifel bestätigt sie mich sogar in meiner Ansicht, da Facebook mit „denen“ ja unter einer Decke steckt.

Nichtsdestotrotz ist dies immerhin ein Ansatz, der vielleicht zumindest einige innehalten und nachdenken lässt. Und vielleicht haben wir ja Glück, und es kommt relativ schnell ans Licht, dass dieses Prinzip nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit hat. Wenn z.B. Großbritannien feststellen muss, dass es doch ziemlich auf die EU angewiesen ist und man sich an gewissen Regeln halten muss, wenn man weiterhin wirtschaftlich zusammenarbeiten will (nur von nun an ohne Mitspracherecht).
Oder wenn der neugewählte Amerikanische Präsident feststellt, dass seine Pläne an nicht überwindbaren Hürden (man könnte auch von Mauern sprechen) scheitern und wirtschaftliche Drohungen auch von der Gegenseite kommen können.
Leider wird dies auf dem Rücken der restlichen Welt ausgetragen werden müssen und noch ist nicht abzusehen, ob dies weltwirtschaftliche Folgen haben wird und wie diese ausfallen werden.

Hoffen wir auf das Beste, etwas Anderes bleibt uns leider nicht übrig.

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