Hier gehts um alles alles und nichts. Wenn ich ein Thema habe, das mich zunehmend beschäftigt und ich meine, meine Meinung dazu in die Welt hinauszuposaunen zu müssen, dann landet sie hier. Oder wenn mir die "Kreativität" in den Fingern juckt... Oder wenn ich einfach einen Gedankenfurz habe, den ich unbedingt mit der Welt teilen will... Das Gute ist ja, hier kriegt's ja eh keiner mit ;)
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Sonntag, 10. April 2016
Die Causa Böhmermann oder wie ein Gedicht die Nation spaltet
Vorweg muss ich sagen, dass ich wahrscheinlich so etwas wie ein Fanboy von Jan Böhmermann bin, sei es Varufake, Ich hab Polizei oder Be Deutsch... Ich habe bisher so ziemlich alles gefeiert, was von ihm mit größerem Aufwand produziert und veröffentlicht wurde. Und ja, ich finde auch die Schmähkritik super.
Da ja offensichtlich noch nicht ansatzweise genug Meinungen im Netz zu dem Thema zu finden sind, sehe ich nun also keine andere Möglichkeit, als meine Sichtweise der breiten Welt kundzutun, die sie wie immer (aus gutem Grund?) ignorieren wird.
Die Nation ist also gespalten. Da gibt es die einen, die ihn wegen seiner Art eh schon nicht mögen und alles auf sein Ego schieben, das mal wieder etwas Aufmerksamkeit brauchte oder diejenigen, die einfach nur die Worte lesen, die Böhmermann in seiner Schmähkritik verwendet und die für sich genommen natürlich vollkommen unangemessen sind und sich darauf konzentrieren.
Und dann gibt es diejenigen, die ihn als Messias der Satire feiern und ihn für den Kampf der Kunst- und Meinungsfreiheit zu einer gottgleichen Person erheben. Natürlich gab es in kürzester Zeit den Hashtag #jesuisböhmermann. (Über dessen Sinnhaftigkeit man noch einmal einen ganz eigenen Beitrag machen könnte)
Einer Welle der Ablehnung steht eine Welle der Unterstützung gegenüber und alle werfen sich vor, die ganze Sache total falsch zu sehen.
Aber fangen wir doch einmal von vorne an, was ist eigentlich passiert? Nachdem das NDR Satiremagazin Extra 3 ein dem Vernehmen nach relativ harmloses Video über den türkischen Präsidenten Erdogan veröffentlicht hat, hat dieser den deutschen Botschafter in der Türkei einbestellt und gefordert, dass dieses Video entfernt wird. Der Aufschrei in Deutschland war daraufhin groß. Wie könne er es wagen, zu fordern, dass das demokratische Grundrecht der Kunst- und Meinungsfreiheit bei uns eingeschränkt wird? Satire darf alles, Satire gehört zur Demokratie... Man kennt das. Man versichert sich seiner selbst und der guten Sache und alle fühlen sich gut, weil sie für die Demokratie im Allgemeinen und gegen diktatorische Willkür eingestanden haben.
In diesem Freudentaumel meldete sich dann Jan Böhmermann in seiner Sendung mit der sagenumwobenen Schmähkritik zu Wort.
Hier der Beitrag in voller Länge:
Hier noch einmal die Kurzzusammenfassung:
Jan Böhmermann trägt eine Schmähkritik über Präsident Erdogan vor. Er weist selbst darauf hin, dass der Inhalt, den er gleich vortragen wird, auch in Deutschland nicht erlaubt sei und es wird sogar auf die Konsequenzen eingegangen, die diese Schmähkritik vermutlich haben werde. Was folgt sind erwartbarerweise tatsächlich Beleidigungen der übelsten Art, aber in einer Weise, die derart überzogen ist, dass sie nie im Leben als ernstgemeinte Meinungsäußerung verstanden werden dürften, unterbrochen von dem Hinweis, dass dies in dieser Form natürlich nicht erlaubt sei.
Im Anschluss gibt das ZDF bekannt, dass es die entsprechende Passage für unangemessen hält und nimmt die Sendung aus der Mediathek, nur um sie später wieder gekürzt online zu stellen, selbstverständlich ohne das Erdogan-Segment. Aber natürlich ist das Gedicht in der Welt und jeder Hinz und Kunz fühlt sich bemüßigt, seine Meinung dazu breitzutreten.
...An dieser Stelle bitte einen winkenden Zaunpfahl vorstellen...
Es geht sogar soweit, dass Angela Merkel beim türkischen Ministerpräsidenten anruft und ihm versichert, dass sie den Beitrag selber total doof findet und dass das natürlich bei uns in Deutschland auch nicht erlaubt ist.
In der Zwischenzeit gehen bei der Staatsanwaltschaft Anzeigen gegen Böhmermann ein, der Vorwurf: Verunglimpfung eines fremden Staatsoberhauptes
Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Ganze zu interpretieren.
1. Jan Böhmermann war schon immer ein unwitziges Arschloch mit viel zu großem Ego, der sich nur mal wieder ins Rampenlicht bringen will, in dem er auf die Extra 3 Welle aufspringt. Er greift auf das einzige Mittel zurück, das er hat und das sind Beleidigungen aus der Gosse. Was gerade geschieht, hat er mehr als verdient.
2. Jan Böhmermann wäre gerne ein großer Satiriker, ist aber nur ein ganz kleines Licht. Er hat sich übernommen und muss endlich auch mal für seine große Klappe bezahlen.
3. Jan Böhmermann ist der größte Satiriker unserer Zeit. Alles was er macht ist Meta. Er zeigt uns, was echte Satire können muss und darf er lotet die Grenzen der Kunst- und Meinungsfreiheit unserer Demokratie aus. Wer ihn kritisiert, ist nicht besser, als Erdogan.
Es folgt nun meine persönliche Interpretation der Dinge (das ist das Schöne bei Jan Böhmermann, er erklärt sich in der Regel nie, so dass der Rezipient dazu genötigt wird, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, was nicht immer klappt, wie man am aktuellen Fall sieht):
Jan Böhmermann wusste, was er tat, als er den Beitrag zu Erdogan brachte. Es reicht aber nicht, die Schmähkritik für sich zu betrachten, sondern der gesamte Kontext muss berücksichtigt werden. Damit meine ich nicht nur die Einordnung in den rechtlichen Rahmen durch die ständigen Hinweise, dass das Ganze verboten sei und die offensichtliche Übertreibung, die den satirischen Charakter offenlegt, sondern auch das schon erwähnte Klima rund um die Extra 3 Debatte.
Alles und jeder feierte sich und Extra 3, aber warum? Welche Konsequenz hatte man denn auch zu befürchten, zumal man Erdogan kurz vorher ja noch in den Hintern gekrochen ist, um den ach so tollen Flüchtlingsdeal unter Dach und Fach zu bekommen. Da war es nämlich auf einmal egal, dass Erdogan es mit demokratischen Grundwerten nicht so genau nimmt, denn damit hat er uns ja versprochen, uns ein paar dieser lästigen Flüchtlinge vom Hals zu halten. Da kann man schonmal ein Auge zudrücken, die wollen ja schließlich auch in die EU und das mit der Demokratie, das wird schon. Oder das mit den inhaftierten Journalisten. Oder dem Verhalten gegenüber oppositionellen Demonstranten. Oder dem Verhalten gegenüber den Kurden.
Meiner Ansicht nach hat Jan Böhmermann genau hier angesetzt. Ihm ging es nicht darum, ein harmloses Satirefilmchen zu verteidigen oder Erdogan dafür zu beleidigen. Es ging ihm darum, dem türkischen Präsidenten grundsätzlich zu zeigen, wie eine richtige Demokratie funktioniert, was dort gesetzlich erlaubt ist und wie man damit umgeht, wenn man die erlaubte Grenze trotzdem überschreitet. Dass man dann nämlich nicht alles verbietet und die Leute unter Druck setzt oder inhaftiert, sondern dass man es entweder aushalten muss, weil es vom Gesetz gedeckt ist oder aber es einen rechtstaatliche Vorgehensweise gibt, die greift, wenn jemand meint, die Grenze sei überschritten (was ja jetzt auch genau so passiert).
Er hält Erdogan somit einen Spiegel vor. Du willst also Demokrat sein? Schau Dir mal an, wie eine Demokratie wirklich funktioniert!
Böhmermann konnte gar nicht verlieren, entweder er bekommt Recht und die deutsche Demokratie erkennt seine Kunst- und Meinungsfreiheit bzw. den satirischen Charakter seiner Äußerungen an oder aber es werden die rechtsstaatlichen Prozesse in Gang gesetzt, die eine Überschreitung regeln (selbst bei einer Anklage ist es laut der meisten Rechtsexperten wohl unwahrscheinlich, dass diese größere Folgen haben wird).
Auch die Tatsache, dass Böhmermann im Nachgang den Kanzleramtschef Altmaier anschrieb, passt zu diesem Bild. Viele haben ihm dafür vorgeworfen, sich übernommen zu haben und jetzt einzuknicken und um Hilfe zu betteln, da ihm jetzt die Düse ginge, aber was hat er denn wirklich geschrieben?
"Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann" Weiter bat er um "Berücksichtigung meines künstlerischen Ansatzes und meiner Position, auch wenn er streitbar ist"
Er bat also nicht darum, dass für ihn ein gutes Wort eingelegt wird oder dass die Politik seinen vermeintlichen Ausrutscher glattbügelt, sondern er fordert nur, dass die von ihm herausgeforderten demokratischen Grundwerte gewahrt, wenn nicht gar verteidigt werden. Nicht mehr und nicht weniger.
Man greift also zu kurz, wenn man ihn nur auf den Inhalt des Gedichtes oder sein großes Ego reduziert. Er tut das, was eigentlich die Politiker tun müssten und kritisiert sie somit im gleichen Atemzug, indem er einem Pseudo-Demokraten zeigt, wie Demokratie funktioniert. Ob er deswegen ein satirischer Messias ist, soll jeder selbst beurteilen. Für mich hat er aber seit langem einmal wieder, wenn nicht zum ersten Mal richtig "Eier aus Stahl" bewiesen.
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