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Dienstag, 18. September 2018

Dürfte ich mit Ihnen einmal über Nazis sprechen?


Hallo, ich bin's... lange nicht mehr gesehen... Ich hätte da mal ein Anliegen:

Wer in den letzten Wochen meine Social-Media-Aktivitäten verfolgt hat, der könnte möglicherweise etwas genervt sein. Alle Nase lang poste ich irgendeinen dummen Spruch oder Link gegen die AfD oder Nazis. Und ich kann es diesen Leuten in den meisten Fällen auch nicht verdenken, denn die meisten sind ja einer ähnlichen Meinung, wie ich. Die AfD sind verkappte Nazis und Nazis, Rassisten und Faschisten sind scheiße. Puh, gerade noch rechtzeitig sich seiner selbst vergewissert und sich in der eigenen Filterblase noch mal schnell profiliert. Jetzt aber schnell wieder zu Netflix, so ein Serienmarathon guckt sich schließlich nicht von alleine!


Das könnte man denken… Aber ich mache mir wirklich sorgen. Nicht erst seit Chemnitz, aber seitdem umso mehr. Ich bin in den 90ern und Anfang der 2000er in einer Welt groß geworden, in der so etwas wie Krieg und Faschismus in Europa Relikte aus einer anderen Zeit waren. Klar, Krieg gab es immer nur ein paar Flugstunden von uns entfernt, aber bei uns war alles super. Selbst Rassismus war in meinem Umfeld kein Thema. Das kannte man höchstens aus den Nachrichten, wenn mal wieder ein paar glatzköpfige Idioten Radau gemacht haben. Aber man war sich einig, dass diese Idioten Idioten waren und der Rest der Bevölkerung deren Weltbild nicht teilte. Rückblickend betrachtet war das vielleicht etwas naiv, aber so war es damals halt. Zumindest war ich es in meinem jugendlichen Leichtsinn.


Heute protestieren Menschen gegen offenen Rassismus und Faschismus in Deutschland und müssen sich im Internet dafür beschimpfen lassen und ich frage mich, wie das sein kann. Eine erschöpfende Antwort kann auch ich nicht geben. Ich bin weder Sozio- noch Psychologe, noch verstehe grundsätzlich etwas davon, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht. Nicht erst seit Chemnitz, aber seitdem umso weniger.


Es war offensichtlich ein Trugschluss, dass wir in Deutschland rassistische und faschistische Tendenzen hinter uns gelassen hätten. Das haben die NSU-Morde und die Auswirkungen der Flüchtlingskrise eindeutig gezeigt. Vielleicht haben wir einfach nur sehr gut gelernt, nicht zu sehen, was wir nicht sehen wollten. Außerdem befanden wir uns kurz vor oder gerade erst am Anfang des Internetzeitalters. Die Menschen waren noch nicht so vernetzt und es gab einen von allen Institutionen unterstützten Konsens, dass rechtes Gedankengut geächtet gehört, was wahrscheinlich viele davon abgehalten, sich in dieser Hinsicht zu „outen“. Diese Zeit ist vorbei. Der damals angenommene Konsens fängt an zu bröckeln, seit jeder und jede seine Meinung frei und ungefiltert in die Welt hinausposaunen kann und feststellt, dass es gar nicht so wenige Menschen gibt, die genau dasselbe denken.

Auftritt: Die Filterblase! Dank der immer weiter verbreiteten Social-Media-Plattformen haben wir es geschafft, uns unsere eigenen, ungestörten Welten zu schaffen. Meine ist super, keiner teilt irgendwelche hetzerischen Fake-News, gefühlt ist jeder schon irgendwie gegen rechts und ab und zu wird sich ironisch-sarkastisch über die dummen Nazi-Ossis lustig gemacht. Andersdenkende muss man schon aktiv suchen, zum Beispiel in den Kommentaren von Nachrichtenseiten. Dort kann man dann so als eine Art sportliche Übung ab und zu mit ein paar Rechtsauslegern streiten und wenn man keine Lust mehr hat, dann zieht man sich einfach wieder in seine Blase zurück und lässt sich von seinesgleichen berieseln.

So kann man natürlich ganz gut ausblenden, dass es da draußen auch noch andere Menschen gibt. Menschen, die kein Problem damit haben, die AfD zu wählen. Menschen, die immer noch glauben, was in den BILD-Überschriften steht und wenn man Pech hat, auch was in der Compact, auf Tichys Einblick oder bei Breitbart Deutschland geschrieben wird. Aus Sicht dieser Menschen muss Deutschland verteidigt werden. Gegen die messermordenden und vergewaltigenden Migrantenhorden, schließlich ist ja selbst laut unserem (noch) Innenminister die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme. Vielleicht ist das aber auch ein wenig überspitzt. Aber diese Menschen lesen nur schlechtes über Geflüchtete, weshalb sich ein überwiegend negativer Gesamteindruck manifestiert. Wenn dann irgendwelche linksgrünversifften, bahnhofsklatschenden Gutmenschen versuchen, ein anderes Bild zu zeichnen, dann stößt man dort beinahe zwangsläufig auf taube Ohren, die eigene Blase sagt einem ja tagtäglich etwas Gegenteiliges.


Und jetzt sind wir im hier und jetzt. Die deutsche Gesellschaft scheint zweigeteilt und selten sah es weniger danach aus, als ob irgendein Kompromiss gefunden werden könnte. Die Frage ist, kann es überhaupt einen Kompromiss geben? Sollte es ihn geben?


Das Problem ist, dass jeder sich auf seiner Seite im Recht fühlt und das aus seiner Sicht mit guten Argumenten belegen kann. Schließlich hört man ja immer wieder von schlimmen Taten von Geflüchteten (z.B. hier, hier, hier, oder hier). Dies nutzen Parteien wie die AfD aus, um einen wie auch immer gearteten Kompromiss möglichst unmöglich zu machen. Sie macht die bösen Geflüchteten zur Wurzel allen Übels. Es ist ja nicht so, dass es in manchen Teilen Deutschlands keine Gründe für Unzufriedenheit gäbe. Langzeitarbeits- und Perspektivlosigkeit sind gerade in der ostdeutschen Provinz sehr verbreitet. Infrastrukturelle und kulturelle Angebote werden aus Kostengründen immer weiter zurückgefahren, so dass sich zu allem auch noch ein Gefühl des abgehängt-seins breitmacht. Die alteingesessenen Parteien sind an dieser Entwicklung mit Sicherheit nicht ganz unschuldig. Genauso, wie an finanziellen Einbußen, die viele Menschen als Folge der Politik der vergangenen Jahre hinnehmen mussten (Hartz IV etc.). Und es gibt noch viele andere Gründe, warum die Menschen unzufrieden sind und die AfD hat es geschafft, all diese Probleme auf ein Kernthema zu fokussieren: Geflüchtete! Die machen uns alles kaputt, rauben uns aus, vergewaltigen unsere Frauen und machen sich auf unsere Kosten ein schönes Leben, während Oma Hilde jeden Abend im Park Pfandflaschen sammeln muss. Aber man ist natürlich dabei nicht rechts. Man hat ja nichts gegen Ausländer per se, es gibt ja auch gute Ausländer, nämlich die, die man von den Deutschen am besten gar nicht mehr unterscheiden kann. Und wehe, man bezeichnet sie als rechts, da wird man aber sauer. 


Ja, wie kann man es bloß wagen, Wörter wie „Nazi“, „Rechte“ oder „Faschisten“ in einen Zusammenhang mit der AfD zu bringen? Eine Partei, deren politische Arbeit allein darin besteht, alles den Geflüchteten in die Schuhe zu schieben und diese so zum Sündenbock für alles Schlechte in er Welt macht, ohne Antworten auf echte Fragen zu liefern (Alice Weidel WDR-Interview). 



Eine Partei, die es nicht schafft, einen Björn Höcke auszuschließen, der offen irgendwelche kruden Rassentheorien verbreitet (ARD Panorama). Eine Partei, die die Zeit des Dritten Reiches als Fliegenschiss in der deutschen Geschichte bezeichnet (ZEIT Online). Eine Partei, die sich inzwischen offen mit rechten Organisationen zeigt (Pro Chemnitz). Eine Partei, die den Medien offen droht (Twitter) und versucht, Journalisten und andere kritische Medienschaffende einzuschüchtern (Schlecky Silberstein).


Wenn eine solche Partei in Deutschland 15-20% der Wähler anspricht und sich anschickt, in mindestens einem Bundesland die stärkste Kraft zu werden, dann haben wir hier ein Problem, welches nicht ignoriert werden darf. Wenn bei einer Legida-Demonstration von den Demonstranten lautstark gefordert wird, dass Geflüchtete auf hoher See „absaufen“ sollen (Panorama Pegida) und niemand widerspricht, dann haben wir verdammt nochmal ein Problem. Und wenn in Chemnitz nach einem tragischen Zwischenfall zwischen einem Deutschen und drei Geflüchteten ein Nazimob durch die Straßen zieht, der Journalisten und Ausländer jagt (VICE Doku), den Hitlergruß zeigt und Naziparolen à la „Ausländer raus“ und „Adolf Hitler Hooligans“ brüllt, dann haben wir verdammt nochmal ein riesiges fucking Problem! Da ist es aus meiner Sicht dann auch vorbei mit der wohligen Filterblase. Das sind keine besorgten Bürger auf einem Trauermarsch, das sind schlicht und ergreifend Nazis, die das Gefühl haben, dass jetzt endlich ihre Zeit gekommen ist und sie sich nicht mehr verstecken müssen.


Sie haben dieses Gefühl, weil ihnen die AfD und Co. den Weg bereitet haben. Ständig haben sie es geschafft, das Thema Geflüchtete in den Mittelpunkt zu rücken und das mit einer Sprache, die immer weiter den rechten Rand auslotet und so schleichend den Konsens über das, was sich gesellschaftlich zu sagen gehört immer weiter nach rechts verschoben, bis inzwischen auch Politiker der etablierten Parteien diese Sprache übernommen haben (Söder/Klöckner Asyltourismus). Zudem wurde die Sicht verbreitet, dass es nur ein entweder/oder in der Asylfrage gibt. Entweder man ist ein linksgrünversiffter Gutmensch, für den alle Geflüchtete Engel sind oder man ist ein aufrechter Deutscher, der die Heimat verteidigt und keinen mehr reinlässt. Differenzierte Meinungen, wie zum Beispiel, dass Asylverfahren deutlich schneller, effizienter und am Ende auch konsequenter umgesetzt werden müssen während man natürlich jeden Asylantrag erst einmal entsprechend international geltendem Recht zu prüfen hat, werden ausgeblendet. Genauso wie die wahrscheinlich gar nicht mal so seltene Ansicht, dass straffällige Asylbewerber natürlich ebenso die Härte des deutschen Rechtsstaates zu spüren bekommen müssen, wie jeder andere Bürger dieses Landes auch. Aber mit Differenzierung haben es AfD und Co. ja leider eh nicht so sehr. Sonst käme man am Ende vielleicht noch auf die Idee, dass eine kleine Gruppe Geflüchteter/Asylanten/Ausländer nicht für die große Gesamtheit steht und man diese deshalb nicht für die Taten einzelner vorverurteilen darf. Ironischerweise beschwert sich die AfD ja selbst genau über dieses Problem, wenn Teile Ihrer Mitglieder oder des Führungspersonals vollkommen überraschend rechtes Gedankengut verbreiten und dann die gesamte Partei als rechts bezeichnet wird.


All das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass ich mich dazu genötigt sah und sehe, auf diese für mich erschütternden Umstände hinzuweisen. Nicht aus Profilierungsgründen, sondern aus einer Notwendigkeit heraus, zeigen zu müssen, dass solche Ansichten nicht normal sind. Natürlich könnte man fragen, was das für einen Sinn macht, wenn die eigene Filterblase, wie eingangs erwähnt, wahrscheinlich größtenteils derselben Meinung ist. Aber da liegt der Knackpunkt: Größtenteils! Alleine schon rein statistisch ist es nicht unwahrscheinlich, dass ab einer gewissen Freundesanzahl Leute dabei sind, die zumindest mit dem Gedankengut der AfD sympathisieren, auch wenn sie es nicht öffentlich zeigen. An diese Menschen möchte ich mich richten. Ich möchte Ihnen zeigen, auf was sie sich einlassen, wenn sie bei der nächsten Wahl ihr Kreuz bei dieser Partei machen. Dass sie dann eine Nazipartei wählen, die sich als Auffangbecken für besorgte Bürger tarnt. Ob das am Ende wirklich jemanden zum Umdenken bewegt, zweifle selbst ich an. Da werden meine dummen Sprüche und Links wahrscheinlich auch nicht mehr viel ausrichten, zumal sie ja auch erst einmal gesehen werden müssen. Aber diese Leute sollen später nicht sagen, sie hätten von nichts gewusst. Das war vor 70 bis 80 Jahren schon eine faule Ausrede und das ist es heute noch immer.





















P.S.: Natürlich weiß ich, dass Björn Höcke eigentlich Bernd Höcke heißt, aber ich habe die Hoffnung, dass es ihn tierisch nervt, wenn sich „Björn“ durchsetzt und am Ende keiner mehr weiß, was jetzt wirklich richtig ist

P.P.S.: In der ersten Fassung dieses Textes habe ich "Bernd" und "Björn" genau andersrum verwendet, als geplant. Jetzt wollte ich es korrigieren und muss feststellen, dass diese Seite hier macht, was sie will und meine Korrekturen nur bedingt annimmt... Naja, Ihr wisst ja, wie es gemeint ist.

Donnerstag, 29. Dezember 2016

2016 – Odyssee im Wahnsinn




Das Jahr neigt sich dem Ende und es ist wieder einmal die Zeit für Rückblicke. Dabei will ich gar nicht darauf eingehen, wie viele bekannte und geschätzte Persönlichkeiten von uns gegangen sind und wie tragisch das alles ist. Was mir für 2016 in Erinnerung bleibt, ist hauptsächlich ein Gefühl der Enttäuschung.

Enttäuschung darüber, was die Menschen zu glauben bereit sind und was die Menschen tun, wenn man Ihnen nur erzählt, was sie hören wollen. „Postfaktisch“ ist das Schlagwort der Stunde. Es ist der Versuch, greifbar zu machen, was die sogenannte Elite lange Zeit nicht verstanden hat. Tatsachen zählen nicht mehr. Alles ist nur noch eine Meinung und die kann von Perspektive zu Perspektive abweichen und jede Meinung ist von Natur aus einer anderen gleichberechtigt.

Ein großartiges Beispiel lieferte Newt Gingrich im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf

 

Wenn alles eine Meinung ist, dann werden jedoch Stimmungen zu Entscheidungsgrundlagen ohne zu berücksichtigen, auf welchem Wahrheitsgehalt diese beruhen. Die Realität ist somit nicht mehr, als ein subjektiver Eindruck eines einzelnen. Sie entzieht sich dadurch einer objektiven Beurteilung und verliert dadurch ihre Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs. Wenn jeder nur noch auf Basis seiner eigenen Realität diskutiert, wie kann man da jemals zu einer gemeinschaftlichen Lösung kommen?

Im Kern fängt dieses Problem damit an, dass Menschen oft nur das glauben und weitererzählen, von dem sie von vornherein schon überzeugt sind. Dies gilt für alle Teilnehmer des intellektuellen Spektrums. Das Problem an der Sache ist, dass man es für immer weniger relevant hält, die Quelle und damit den Wahrheitsgehalt der Nachricht zu prüfen. Ich bin eh schon der Meinung, dass Ausländer uns die Frauen/Arbeitsplätze/Hartz4 wegnehmen? Dann stimmt das bestimmt auch, dass die alle klauen, gewalttätig sind und Frauen belästigen. Hat doch schließlich in der Facebookgruppe der X aus Y selbst erzählt, dass seine Cousine so gerade noch mit dem Leben davongekommen ist, als sie an einer Flüchtlingsunterkunft vorbeigegangen ist…
Und als ob dieses bestimmt nicht unbekannte Muster nicht schon genug wäre, so haben jetzt auch Politiker dieses Mittel ins Herz geschlossen und interessieren sich nun ganz offensichtlich einen feuchten Dreck für Fakten und gehen voll in der populistischen Stimmungsmacherei auf.
Bestes Beispiel war die Abstimmung zum „Brexit“. Viele Briten fühlten sich von der Regierung im Stich gelassen und hatten keinen Anteil an der Verbesserung der wirtschaftlichen Gesamtsituation. Diese Stimmung griffen die Brexit-Befürworter auf und schoben die Verantwortung dafür der EU zu. Zusätzlich erfand man einfach noch ein paar Zahlenspiele (soundso-viele Millionen Pfund gehen in die EU, wir schieben das lieber ins Gesundheitssystem) und schon brachte man die Anti-EU-Stimmungsmaschine ins Rollen. Die Leute wurden auf der emotionalen Ebene abgeholt und mit einem rundum Sorglos Paket versorgt, da konnten die alten Parteien mit ihren langweiligen „Fakten“ (die ja inzwischen auch nur eine Meinung waren) nicht gegen anstinken. Außerdem konnte man deren Fakten ja eh nicht trauen, weil sie ja schließlich von denen stammten und somit so manipuliert wurden, dass sie ihnen passten.
Dasselbe Prinzip hat sich dann erschreckenderweise auch noch einmal in den USA durchgesetzt. Dort hat auch der Kandidat gewonnen, der es verstanden hat, dass Fakten viel weniger wichtig sind, als ein selbstgezeichnetes Bild der Gesellschaft und von sich selbst. Wenn man dieses Narrativ nur oft genug wiederholt, dann glauben die Leute auch irgendwann daran. Offensichtlich sogar so sehr, dass selbst die gröbsten Verfehlungen des Vertreters dieses Narrativs in den Hintergrund rücken und im Zweifel sogar zum Teil ebendiesen Narrativs werden.

Für die eher faktenorientierten Menschen ist dies natürlich ein Schlag ins Gesicht. Wie soll man solchen Leuten etwas entgegensetzen, wenn noch nicht einmal harte Fakten als solche akzeptiert werden? So kann jeder einfach etwas behaupten, muss es noch nicht einmal beweisen und selbst Wiederlegungen und Gegenbeweise werden einfach mit einem „Falsch!“ (oder Wrong!) zurückgewiesen und es wird einfach so hingenommen. Und als ob das nicht schon genug wäre, geben diese Leute nach ihren Erfolgen auch noch zu, dass sie vorher eigentlich ganz schön viel Unsinn erzählt haben und selbst das scheint die Anhänger nicht im Geringsten zu jucken.


All das lässt mich nicht nur stark am geistigen Zustand unserer Gesellschaft zweifeln sondern auch ein wenig um die Zukunft fürchten. Wo soll das noch hinführen, wenn wir nur noch nach dem entscheiden, was andere für das halten, was wir hören wollen ohne uns bei denen rückzuversichern, die uns sagen, was wir wissen müssen? Oh man, was für ein Satz… Was ich damit meine ist, dass ich es für unglaublich gefährlich halte, dass den Menschen zunächst ein völlig haltloses Narrativ ins Hirn gepflanzt wird, für das man dann selbst, oh Wunder, die passende Lösung parat hat. Dass diese aber mit der Realität (der guten alten objektiven Realität von früher) nichts mehr zu tun hat und somit kein Bisschen zur Bewältigung der (evtl. sogar erfundenen) Probleme beitragen kann bzw. sie sogar verschlimmert, ist dabei egal.
Auf diese Weise wird leider populistischen Ideen und Vorstellungen Tür und Tor geöffnet, die eigentlich überwunden zu sein schienen.

Aktuell wird nun mittels der Diskussion über „Fake-News“ und deren wie auch immer gearteten Eindämmung versucht, der Sache ein wenig Herr zu werden. Ich habe keine Ahnung, ob dies wirklich gelingen kann und wie effektiv dies sein wird. Die Funktionsweise ist klar, man hofft so, dem Narrativ seine Grundlage zu entziehen und damit auch der Legitimation der Populisten. Allein, wer ist die Instanz, die entscheidet, was „Fake-News“ sind und was nicht? Was sind die Maßstäbe dafür? Wie ist die Akzeptanz dieser Instanz? Wenn Facebook ein Posting als „Fake“ kennzeichnet, wen interessiert das in dieser postfaktischen Welt dann noch? Ist doch schließlich nur eine Meinung von Facebook, die von der eigenen, mindestens gleichwertigen abweicht. Wenn ich somit für mich entscheide, dieser Nachricht zu glauben, dann interessiert mich die Einschätzung von Mark Zuckerberg herzlich wenig, im Zweifel bestätigt sie mich sogar in meiner Ansicht, da Facebook mit „denen“ ja unter einer Decke steckt.

Nichtsdestotrotz ist dies immerhin ein Ansatz, der vielleicht zumindest einige innehalten und nachdenken lässt. Und vielleicht haben wir ja Glück, und es kommt relativ schnell ans Licht, dass dieses Prinzip nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit hat. Wenn z.B. Großbritannien feststellen muss, dass es doch ziemlich auf die EU angewiesen ist und man sich an gewissen Regeln halten muss, wenn man weiterhin wirtschaftlich zusammenarbeiten will (nur von nun an ohne Mitspracherecht).
Oder wenn der neugewählte Amerikanische Präsident feststellt, dass seine Pläne an nicht überwindbaren Hürden (man könnte auch von Mauern sprechen) scheitern und wirtschaftliche Drohungen auch von der Gegenseite kommen können.
Leider wird dies auf dem Rücken der restlichen Welt ausgetragen werden müssen und noch ist nicht abzusehen, ob dies weltwirtschaftliche Folgen haben wird und wie diese ausfallen werden.

Hoffen wir auf das Beste, etwas Anderes bleibt uns leider nicht übrig.

Sonntag, 10. April 2016

Die Causa Böhmermann oder wie ein Gedicht die Nation spaltet


Vorweg muss ich sagen, dass ich wahrscheinlich so etwas wie ein Fanboy von Jan Böhmermann bin, sei es Varufake, Ich hab Polizei oder Be Deutsch... Ich habe bisher so ziemlich alles gefeiert, was von ihm mit größerem Aufwand produziert und veröffentlicht wurde. Und ja, ich finde auch die Schmähkritik super.

Da ja offensichtlich noch nicht ansatzweise genug Meinungen im Netz zu dem Thema zu finden sind, sehe ich nun also keine andere Möglichkeit, als meine Sichtweise der breiten Welt kundzutun, die sie wie immer (aus gutem Grund?) ignorieren wird.

Die Nation ist also gespalten. Da gibt es die einen, die ihn wegen seiner Art eh schon nicht mögen und alles auf sein Ego schieben, das mal wieder etwas Aufmerksamkeit brauchte oder diejenigen, die einfach nur die Worte lesen, die Böhmermann in seiner Schmähkritik verwendet und die für sich genommen natürlich vollkommen unangemessen sind und sich darauf konzentrieren.
Und dann gibt es diejenigen, die ihn als Messias der Satire feiern und ihn für den Kampf der Kunst- und Meinungsfreiheit zu einer gottgleichen Person erheben. Natürlich gab es in kürzester Zeit den Hashtag #jesuisböhmermann. (Über dessen Sinnhaftigkeit man noch einmal einen ganz eigenen Beitrag machen könnte)
Einer Welle der Ablehnung steht eine Welle der Unterstützung gegenüber und alle werfen sich vor, die ganze Sache total falsch zu sehen.

Aber fangen wir doch einmal von vorne an, was ist eigentlich passiert? Nachdem das NDR Satiremagazin Extra 3 ein dem Vernehmen nach relativ harmloses Video über den türkischen Präsidenten Erdogan veröffentlicht hat, hat dieser den deutschen Botschafter in der Türkei einbestellt und gefordert, dass dieses Video entfernt wird. Der Aufschrei in Deutschland war daraufhin groß. Wie könne er es wagen, zu fordern, dass das demokratische Grundrecht der Kunst- und Meinungsfreiheit bei uns eingeschränkt wird? Satire darf alles, Satire gehört zur Demokratie... Man kennt das. Man versichert sich seiner selbst und der guten Sache und alle fühlen sich gut, weil sie für die Demokratie im Allgemeinen und gegen diktatorische Willkür eingestanden haben.

In diesem Freudentaumel meldete sich dann Jan Böhmermann in seiner Sendung mit der sagenumwobenen Schmähkritik zu Wort.

Hier der Beitrag in voller Länge:





Hier noch einmal die Kurzzusammenfassung:

Jan Böhmermann trägt eine Schmähkritik über Präsident Erdogan vor. Er weist selbst darauf hin, dass der Inhalt, den er gleich vortragen wird, auch in Deutschland nicht erlaubt sei und es wird sogar auf die Konsequenzen eingegangen, die diese Schmähkritik vermutlich haben werde. Was folgt sind erwartbarerweise tatsächlich Beleidigungen der übelsten Art, aber in einer Weise, die derart überzogen ist, dass sie nie im Leben als ernstgemeinte Meinungsäußerung verstanden werden dürften, unterbrochen von dem Hinweis, dass dies in dieser Form natürlich nicht erlaubt sei.
Im Anschluss gibt das ZDF bekannt, dass es die entsprechende Passage für unangemessen hält und nimmt die Sendung aus der Mediathek, nur um sie später wieder gekürzt online zu stellen, selbstverständlich ohne das Erdogan-Segment. Aber natürlich ist das Gedicht in der Welt und jeder Hinz und Kunz fühlt sich bemüßigt, seine Meinung dazu breitzutreten.

...An dieser Stelle bitte einen winkenden Zaunpfahl vorstellen...

Es geht sogar soweit, dass Angela Merkel beim türkischen Ministerpräsidenten anruft und ihm versichert, dass sie den Beitrag selber total doof findet und dass das natürlich bei uns in Deutschland auch nicht erlaubt ist.
In der Zwischenzeit gehen bei der Staatsanwaltschaft Anzeigen gegen Böhmermann ein, der Vorwurf: Verunglimpfung eines fremden Staatsoberhauptes

Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Ganze zu interpretieren.

1. Jan Böhmermann war schon immer ein unwitziges Arschloch mit viel zu großem Ego, der sich nur mal wieder ins Rampenlicht bringen will, in dem er auf die Extra 3 Welle aufspringt. Er greift auf das einzige Mittel zurück, das er hat und das sind Beleidigungen aus der Gosse. Was gerade geschieht, hat er mehr als verdient.

2. Jan Böhmermann wäre gerne ein großer Satiriker, ist aber nur ein ganz kleines Licht. Er hat sich übernommen und muss endlich auch mal für seine große Klappe bezahlen.

3. Jan Böhmermann ist der größte Satiriker unserer Zeit. Alles was er macht ist Meta. Er zeigt uns, was echte Satire können muss und darf er lotet die Grenzen der Kunst- und Meinungsfreiheit unserer Demokratie aus. Wer ihn kritisiert, ist nicht besser, als Erdogan.


Es folgt nun meine persönliche Interpretation der Dinge (das ist das Schöne bei Jan Böhmermann, er erklärt sich in der Regel nie, so dass der Rezipient dazu genötigt wird, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, was nicht immer klappt, wie man am aktuellen Fall sieht):

Jan Böhmermann wusste, was er tat, als er den Beitrag zu Erdogan brachte. Es reicht aber nicht, die Schmähkritik für sich zu betrachten, sondern der gesamte Kontext muss berücksichtigt werden. Damit meine ich nicht nur die Einordnung in den rechtlichen Rahmen durch die ständigen Hinweise, dass das Ganze verboten sei und die offensichtliche Übertreibung, die den satirischen Charakter offenlegt, sondern auch das schon erwähnte Klima rund um die Extra 3 Debatte.
Alles und jeder feierte sich und Extra 3, aber warum? Welche Konsequenz hatte man denn auch zu befürchten, zumal man Erdogan kurz vorher ja noch in den Hintern gekrochen ist, um den ach so tollen Flüchtlingsdeal unter Dach und Fach zu bekommen. Da war es nämlich auf einmal egal, dass Erdogan es mit demokratischen Grundwerten nicht so genau nimmt, denn damit hat er uns ja versprochen, uns ein paar dieser lästigen Flüchtlinge vom Hals zu halten. Da kann man schonmal ein Auge zudrücken, die wollen ja schließlich auch in die EU und das mit der Demokratie, das wird schon. Oder das mit den inhaftierten Journalisten. Oder dem Verhalten gegenüber oppositionellen Demonstranten. Oder dem Verhalten gegenüber den Kurden.
Meiner Ansicht nach hat Jan Böhmermann genau hier angesetzt. Ihm ging es nicht darum, ein harmloses Satirefilmchen zu verteidigen oder Erdogan dafür zu beleidigen. Es ging ihm darum, dem türkischen Präsidenten grundsätzlich zu zeigen, wie eine richtige Demokratie funktioniert, was dort gesetzlich erlaubt ist und wie man damit umgeht, wenn man die erlaubte Grenze trotzdem überschreitet. Dass man dann nämlich nicht alles verbietet und die Leute unter Druck setzt oder inhaftiert, sondern dass man es entweder aushalten muss, weil es vom Gesetz gedeckt ist oder aber es einen rechtstaatliche Vorgehensweise gibt, die greift, wenn jemand meint, die Grenze sei überschritten (was ja jetzt auch genau so passiert).
Er hält Erdogan somit einen Spiegel vor. Du willst also Demokrat sein? Schau Dir mal an, wie eine Demokratie wirklich funktioniert!
Böhmermann konnte gar nicht verlieren, entweder er bekommt Recht und die deutsche Demokratie erkennt seine Kunst- und Meinungsfreiheit bzw. den satirischen Charakter seiner Äußerungen an oder aber es werden die rechtsstaatlichen Prozesse in Gang gesetzt, die eine Überschreitung regeln (selbst bei einer Anklage ist es laut der meisten Rechtsexperten wohl unwahrscheinlich, dass diese größere Folgen haben wird).
Auch die Tatsache, dass Böhmermann im Nachgang den Kanzleramtschef Altmaier anschrieb, passt zu diesem Bild. Viele haben ihm dafür vorgeworfen, sich übernommen zu haben und jetzt einzuknicken und um Hilfe zu betteln, da ihm jetzt die Düse ginge, aber was hat er denn wirklich geschrieben?

"Ich möchte gerne in einem Land leben, in dem das Erkunden der Grenze der Satire erlaubt, gewünscht und Gegenstand einer zivilgesellschaftlichen Debatte sein kann" Weiter bat er um "Berücksichtigung meines künstlerischen Ansatzes und meiner Position, auch wenn er streitbar ist"

Er bat also nicht darum, dass für ihn ein gutes Wort eingelegt wird oder dass die Politik seinen vermeintlichen Ausrutscher glattbügelt, sondern er fordert nur, dass die von ihm herausgeforderten demokratischen Grundwerte gewahrt, wenn nicht gar verteidigt werden. Nicht mehr und nicht weniger.

Man greift also zu kurz, wenn man ihn nur auf den Inhalt des Gedichtes oder sein großes Ego reduziert. Er tut das, was eigentlich die Politiker tun müssten und kritisiert sie somit im gleichen Atemzug, indem er einem Pseudo-Demokraten zeigt, wie Demokratie funktioniert. Ob er deswegen ein satirischer Messias ist, soll jeder selbst beurteilen. Für mich hat er aber seit langem einmal wieder, wenn nicht zum ersten Mal richtig "Eier aus Stahl" bewiesen.

Sonntag, 15. November 2015

"Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt" (lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit - Titus Maccius Plautus)



Da sitze ich nun, fassungslos vor dem Fernseher und lasse die immer neuen Information auf mich niederprasseln. 18 Tote, 30 Tote, Bombenexplosionen, Schießereien und eine Geiselnahme während eines Rockkonzertes. Ach ja, da war ja noch das Fußballspiel, aber darüber spricht am Ende wirklich keiner mehr. Viel zu schwer lasten die anderen Ereignisse in Paris auf diesem Abend. Viel zu schwer auch für mich und wahrscheinlich Millionen anderer Menschen, die gerade nicht fassen können, was da passiert, mal wieder live auf dem Bildschirm, mal wieder aus der vermeintlichen Sicherheit der eigenen vier Wände. Stand Sonntagabend sind 129 Menschen gestorben, hunderte weitere verletzt.

Und natürlich versucht man irgendwie die Eindrücke zu verarbeiten, möchte seine Trauer und Anteilnahme ausdrücken und tut es dann über die sozialen Medien. "Je suis Paris" heißt es dann und es werden wieder die Profilbilder angepasst, diesmal in Form der französischen Flagge. Ich kann aus meiner Perspektive nicht beurteilen, ob das den Menschen in Paris und Frankreich wirklich hilft. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es einfach auch ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Man kann angesichts dieses brutalen Anschläge doch nicht einfach nichts tun, also tut man etwas symbolisches.

Und schon tauchen neue Fragen auf: Warum ist man nicht genauso erschüttert und reagiert genauso, wenn anderswo doch genauso viele oder noch mehr Menschen sterben? Sind die Toten Russen, Iraker, Syrer, Libanesen, Türken etc. weniger wert? Nein, sind sie natürlich nicht. Aber wir sind Menschen. Wir sind natürlich erschüttert über den sinnlosen Tod von allen Menschen, jedoch macht man automatisch eine Unterscheidung. Vielleicht muss man dies sogar machen, damit man nicht irgendwann vor lauter Trauer den Verstand verliert. Fakt ist, dass man sich Menschen aus dem gleichen Kultur- und Wertesystem verbundener fühlt. Man macht sich ihnen gleich. Demzufolge trifft es einen auch umso härter, wenn in diesem gemeinsamen Kultur- und Wertesystem ein schweres Unglück geschieht. Schließlich hätte man genauso gut selbst oder jemand den man kennt und liebt davon betroffen sein können. Das macht die Tode, wie gesagt nicht wichtiger, es macht sie einem aber umso bewusster.



Ich habe mein Profilbild nicht verändert. Ich "bin" auch nicht Paris. Ich bin einfach ein Mensch, der von diesen Eindrücken erschüttert und überwältigt ist. Ich schreibe lieber diese Zeilen hier. Ist das besser? Ist das schlechter? Ich weiß es nicht... Es gibt viele Sachen, die wir aktuell nicht wissen. 100 Fragen hat Jan Böhmermann dazu auf Facebook gestellt und meiner Ansicht nach einen Nerv getroffen, in dem er aufzeigt, wie wenig wir eigentlich trotz unserer ultravernetzten Welt wissen.

Leider weiß man dann doch eine Sache sicher: Es wird Menschen geben, die diese Ereignisse für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Schon kursieren erste Aussagen von Rechten und Konservativen in den sozialen Netzwerken, die mal wieder einen direkten Zusammenhang zwischen der Flüchtlingskrise und dem Terrorismus herstellen wollen oder nach einer Verschärfung der Gesetze rufen.

Es gibt aber zum Glück auch diejenigen, sich diesen Menschen entgegen stellen und versuchen, ihnen zu erklären, dass es gerade diese Menschen sind, vor denen die Flüchtlinge flüchten. Auch ist dies kein Argument, jetzt alle Flüchtlinge auszusperren "denn da sind ja auch Terroristen drunter". Ich für meinen Teil möchte es nicht verantworten, tausenden Menschen ihr Recht auf Asyl und ein sicheres Leben zu verwehren, weil irgendwelche fehlgeleiteten Extremisten (sowohl rechts, als auch islamisch) uns dazu nötigen wollen.

Aus meiner Sicht ist es allerdings das wichtigste, dass im Anschluss an die Anschläge keine übereilten Maßnahmen ergriffen werden. Man könnte jetzt natürlich noch härter militärisch gegen den IS vorgehen, noch mehr Bomben werfen, noch mehr Waffen an deren Feinde liefern, aber würde das wirklich etwas bringen? Würde das die Terroristen nicht nur noch entschlossener machen?

Würde es nicht viel mehr Sinn machen, endlich die Ursachen der Radikalisierung anzugehen? Das ist natürlich ungemein schwieriger, aber würde das Problem vermutlich langfristig lösen. Ich weiß selbst, dass solche Worte einfach gesagt sind und dass schon diverse Generationen vor uns daran gescheitert sind, Frieden und Stabilität in den nahen Osten zu bringen und natürlich habe ich nicht einmal im Ansatz eine Lösung für das Problem parat, aber gerade diese Anschläge sollten uns die Notwendigkeit einer solchen Lösung noch einmal bewusst machen. Leider ist es sehr tragisch, dass es dazu erst eines solchen Angriffs vor unserer Haustür bedarf.