Erstmals veröffentlicht am 11.02.2012:
Wenn man sich die deutsche Fernsehlandschaft einmal etwas genauer
ansieht, so muss dem geneigten Betrachter eigentlich auffallen, dass
einem dort eine sehr merkwürde Realität vor die Nase gesetzt wird.
Alles fing mit den Richtershows an, welche ja nun schon wieder kurz vor
der medialen Ausrottung stehen. Richterin Barbara Salesch, Richter
Alexander Hold, das Familiengericht, das Jugendgericht, Hauptgericht,
Nachspeise, alles wurde auf die Zuschauer losgelassen. Erst jetzt wurde
der breiten Bevölkerung bewusst, wie hochdramatisch es in deutschen
Gerichten zuging. Täglich klagen von Säure verätzte Models ihr Recht
ein, werden brutale osteuropäische Zuhälter verurteilt und der Freak von
nebenan eines hinterhältigen Anschlags überführt.
Darauf folgten dann die Spin-Offs à la Lenßen und Partner und diverse
Polizeiformate welche dann mit den Gerichtsshows ein magisches, sich
selbst wiederverwertendes Dreieck bildeten. Dass man diese Sendungen
dann doch sehr schnell als gescriptet, wie man heute so gerne sagt,
entlarven konnte, lag ausschließlich an der schon für
Seifenoperverhältnisse schlechten schauspielerischen Leistungen aller
Beteiligten (mal ganz abgesehen von der zunehmenden Absurdität der
Fälle).
Dieses Prinzip der inszenierten Realität wurde dann auch freudestrahlend
im Talkshowsegment aufgenommen. Anscheinend hatte man inzwischen auch
die allerletzten echten Freaks ausgegraben und vor die Kamera gezerrt
und festgestellt, dass die Unfähigkeit einen geraden deutschen Satz
herauszubringen nicht mehr wirklich das beste Mittel ist, um Erfolg zu
haben. Einzig die werte Britt hält mit ihrer „Isch hatte zu den Zeit
Zecks mit drei Männer un getz uaiß isch nisch, uär von beide der Vatta
is“ Sendung die Fahne der klassischen Talkshow hoch. Doch die
gescriptete Konkurrenz schläft nicht. Um das magische Gerichtsdreieck
noch weiter auszuschlachten wurden die Figuren zur Problembewältigung
dann entweder zu Dr. Verena Breitenbach (Klientel 16-25 Jahre) oder
Angelika Kallwass (ab 25 Jahren) geschickt, die dann psychologisch
wertvoll dafür gesorgt haben, dass der aufmüpfige Marvin endlich
einsieht, dass er seine unterdrückten homosexuellen Gefühle nicht durch
Gewalt an den Barbiepuppen seiner kleinen Schwester auslassen darf oder
dass Horst endlich damit klarkommt, dass seine nymphomane Frau gar nicht
anders kann, als mit jedem Kerl in die Kiste zu steigen, der ihr über
den Weg läuft.
Aber das war ja im Grunde nur die Spitze des Eisberges der deutschen
Gesellschaft. Also dachte man sich schnell den Marketingspruch „Nichts
ist spannender als das wahre Leben“ aus und ließ ein neues Monster auf
die Fernsehzuschauer los: „Mitten im Leben“ mit samt seinen Klonen
zeigte die ganz normale Realität hinter deutschen Wohnungstüren.
Interessant, dann empfängt halb Deutschland also Hartz IV, trägt Ed
Hardy und das Inzuchtverbot wurde schon vor langem aufgehoben. Außerdem
sind die Deutschen wohl rein genetisch nicht in der Lage im Urlaub treu
zu bleiben und haben das Studium der Gebrauchsanleitung ihrer
Verhütungsmittel nach einer Woche verzweifelt aufgegeben.
Demgegenüber stehen dann die Sender, die tatsächlich noch
Dokumentationen zeigen möchten, die mit dem „Alltag“ der Deutschen nicht
unbedingt etwas zu tun haben. Früher ist ein Heinz Sielmann noch mit
seiner Kamera in den Jeep gestiegen und hat sich unter Afrikas
Wildtierherden gemischt um uns die Welt näher zu bringen. Heute gibt’s
das Internet, auf Knopfdruck und sofort. Wie kann man also die Menschen
zum Zuschauen bewegen?
Dazu gibt es zwei Ansätze. Der erste ist relativ kostengünstig, spart
man sich doch die ganze Weltreiserei und den ganzen Stress, wenn man
einfach sämtliche Zoos in Deutschland abklappert und das Emotionszentrum
im menschlichen Gehirn mit Bildern von süßen kleinen Knuddeltieren und
dramatischen Lebensrettungsversuchen von Tierärzten stimuliert. Das mit
den Tierärzten ist eh sehr schlau, denn welches kleine Mädchen zwischen 7
und 14 will nicht Tierärztin werden? Das Publikum ist somit eindeutig
definiert und besitzt in der Regel XX-Chromosomen.
Der zweite Ansatz geht in die entgegengesetzte Richtung und richtet sich
somit an das männliche Geschlecht. Dort muss es in der Regel
spektakulär zugehen. Dabei zeichnen sich drei grundlegende Richtungen
ab, nämlich Technik und Wissenschaft, Überleben und Essen. Drei Sachen,
die Männer als ihre ureigensten Stammgebiete ansehen.
Eine typische Reportage der ersten Kategorie wäre dann zum Beispiel “Wie
sieht die Welt in 1000 Jahren ohne den Menschen nach einem Alienangriff
auf einem Flugzeugträger nach einem Kometeneinschlag aus, wenn ein
Velociraptor schneller als das Auge gegen einen Säbelzahntiger kämpft?“
Die Macher dieser Sendungen suchen offensichtlich gezielt nach Themen,
die absolut keine Relevanz für Ottonormalzuschauer haben, sich aber
spektakulär anhören und von irgendwelchen Experten (meistens Professoren
von Universitäten aus aller Welt) mit Fakten unterfüttert werden.
Sofern man von Fakten sprechen kann, wenn man über einen hypothetischen
Alienangriff, eine Erde, die von jetzt auf gleich vom Menschen
entvölkert ist oder den Ausgang eines Kampfes zwischen einem
Velociraptor und einem Säbelzahntiger referiert (zwei dieser Themen habe
ich tatsächlich schon im Fernsehen gesehen!).
Die zweite Kategorie geht wieder zurück zur Natur und zwar im wörtlichen
Sinne. Ein oder zwei Menschen begeben sich in die entferntesten Winkel
dieser Erde und zeigen, wie man dort überleben kann. Meister aller
Klassen ist für mich in dieser Kategorie Bear Grylls, ehemaliger
britischer Elitesoldat, der einfach alles kann. Er kann auf alles
klettern, er kann alles aushalten, er kann alles essen und er kann
überall schlafen. Wie man sehen kann, ist er damit zusehends in größerer
Gesellschaft. Inzwischen lassen sich sogar schon Hippies und Ehepaare
auf ihren Überlebenstrips filmen. Wobei man anmerken muss, dass auch
hier die Realität ein wenig zurecht gebogen wird (natürlich nur, um dem
Zuschauer noch besser veranschaulichen zu können, wie man überlebt). So
war es doch schon ein sehr großer Zufall, als z.B. Bear Grylls sich
durch den amerikanischen Westen gekämpft hat, eine Eisenbahnbrücke
hochgeklettert ist und schließlich in letzter Sekunde aus einem
Eisenbahntunnel herausgesprungen ist, bevor er von einem Zug fast
überrollt wurde.
Die dritte Kategorie klingt dagegen schon fast langweilig. Ein Typ wird
dabei gefilmt, wie er um die Welt fliegt und isst. Spannend wird das
Ganze aber, wenn die Sachen, die er aufgetischt bekommt einer
Dschungelprüfung alle Ehre machen würden. Dies ist zwar nicht immer der
Fall, aber gerade diese Szenen machen den Reiz aus. Besondere
Highlights, an die ich mich erinnere, wären da zum Beispiel diverse
Augen, Hoden oder der verrottete Anus eines Wildschweins. Interessant
ist auch, dass vieles, was der gewöhnliche, kulturell eher westlich
zuzuordnende Zuschauer als exotisch ansehen würde im Zweifelsfall nach
nichts oder nach Hähnchen schmecken soll.
Natürlich gibt es im deutschen Fernsehen auch noch andere
Dokumentationen (Themenschwerpunkte Antike, Bibel, Ordnungshüter, 2.
Weltkrieg und Hitlers Architekten, Frauen, Angestellte, Haustiere,
Fensterputzer und Untermieter). Die laufen dann, wenn man die anderen
Dokus nicht mehr zeigen kann, weil der Zuschauer nach der fünften
Wiederholung inzwischen begriffen hat, dass ein Velociraptor auf einem
Flugzeugträger nach einem Kometenangriff gegen ein Alien gewinnen würde,
wenn es den Menschen seit 1000 Jahren nicht mehr gäbe.
Zum Schluss bleibt zu sagen, dass jeder die Realität geboten bekommt,
die er verdient. Wer mittags Mitten im Leben guckt hat nämlich ganz
andere Sorgen als derjenige, der abends bei einem Raupen kauenden
Engländer im indonesischen Dschungel einschläft.
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