Hier nun ein Beitrag aus dem Dezember 2008:
Wer desöfteren besonders zu morgendlichen Stoßzeiten mit dem ÖPNV
unterwegs ist, der kennt das: Lethargisch vor sich hinguckengende
Menschendarsteller hieven sich Haltestelle für Haltestelle in das
Gefährt. Allerdings scheint es so, dass besonders der Akt des in die
Straßenbahneinsteigens einen ungeheuren Energieeinsatz verlangt. Wie
sonst ist es zu erklären, dass diese Masse von minderjährigen
Lehrerquälern nicht in der Lage ist, auch nur einen weiteren Schritt zu
machen, sobald sie sich innerhalb der Straßenbahn befindet?
Aus irgendeinem Grund sendet der rudimentäre Resthirnbrei anscheinend
keine motorischen Signale mehr an die Beine, sobald er registriert, dass
sich die nach außen hin menschlich wirkende Hülle innerhalb eines
Vehikels befindet.
Komischerweise sind andere Körperfunktionen im Gegensatz dazu höchst
aktiv. Zum Beispiel diejenigen, die dafür sorgen, dass Bushido aus dem
Handy den Näheren Umkreis mit seinen lyrischen Ergüssen beglückt...
Solange der geneigte Betrachter sich an diesen Luftverbrauchern
vorbeiwinden und eine für die Fahrt geeignete Stehfläche außerhalb des
Türbereiches erobern kann, braucht ihn das höchstens peripher zu
tangieren (abhängig von dem jeweiligen Zeitdruck). Dann kann man nämlich
mit interessierter Neugier beobachten, wie sich diese leblose Masse
Mensch immer weiter verdichtet. An den Rändern trifft man von Zeit zu
Zeit sogar auf einen Anflug von Menschenverstand, wenn sich einzelne
Objekte zwei Schritte weiter in den Straßenbahninnenraum bewegen.
Allerdings blebien diese dann auch wieder sofort stehen, was mich an
meine Eingangsthese mit dem ungeheuren Energieverbrauch erinnert.
Dieser scheint so groß zu sein, dass das Gehirn tatsächlich alle
Ressourcen auf das nötigste Bündeln muss. Da fällt dann Denkvermögen oder
Reizübertragung an die Beinmuskulatur auch schonmal hinten raus...
Stellt sich die Frage: Was tun, wenn ich selbst einmal in so einem Pulk
feststecke, weil er schon existierte, bevor ich eingestiegen bin?
Nun ja, sprechenden Menschen kann geholfen werden...
Eine Aufforderung, doch bitte einmal ein paar Schritte in den Gang zu
machen bewirkt wahre Wunder. Diese basieren auf zwei möglichen
Reaktionen.
1. Man wird angesehen wie der Messias höchstpersönlich. Nicht nur, dass
es jemand wagt zu einer Zeit die Stimme zu erheben, zu der der Rest noch
nicht mal in der Lage ist, einen klaren Gedanken zu fassen, nein, es
wird auch noch ein sinnvoller Vorschlag gemacht.
2. Man wird erstmal mit einem emotionlosen, leeren Blick angeschaut (so
ca. 5 Sekunden). In dieser Phase verarbeitet die Gehirnprothese die
Riesenmenge an Informationen, die gerade auf sie eingeprasselt sind
("Könnt ihr mal ein bisschen weiter durchgehen?").
Dann folgt die Realisierungsphase, in der dem Subjekt klar wird, dass
diese Aufforderung an ihn gewandt war. Mit einiger Verzögerung wird
zudem erkannt, dass damit auch noch eine Bewegung verbunden ist.
Zum Glück geht der "Denkprozess" meist nicht großartig darüber hinaus.
Es wird kurz ein Unmut-ausdrückender Laut bezüglich der anstehenden
Bewegung von sich gegeben und dann setzt sich die wabernde Masse langsam
aber unsicher in Bewegung, so dass zumindest auch der letzte sich noch
hinter die Lichtschranke quetschen kann.
Und an der nächsten Haltestelle geht das Spiel dann von vorne los...
Es drängt sich die Frage auf, warum dies nun so ist.
Ich vermute, es ist die uns Menschen innewohnende, allgegenwärtige
Angst, nicht rechtzeitig zur Türe zu gelangen und den Ausstieg zu
verpassen. Jeder versucht, so nah wie möglich am sicheren Ausstieg zu
bleiben, damit auch ja nichts schiefgeht.
Dumm nur, wenn dadurch eine undurchdringliche Masse gebildet wird, die
genau das Gegenteil bewirkt. Zumal min. 75% der Leute an ein und
derselben Haltestelle wieder aussteigen und die Angst damit beim
Großteil somit unbegründet ist. Beim Rest wiederum wird sie dadurch
sogar noch noch verstärkt, was die Situation nicht gerade entspannt.
Ein Teufelskreis...
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