Manchmal
könnte ich kotzen. Gut, da bin ich wahrscheinlich nicht alleine mit auf der
Welt, aber es kommt ja auch auf den Anlass an. Es geht diesmal um den kranken
Zustand unserer Welt im Allgemeinen und im nahen Osten im Speziellen.
Kommen wir
zum Kotzgrund Nummer 1:
Seit über
einem Jahr führt der syrische Herrscher
Baschar al-Assad Krieg gegen sein eigenes Volk, welches sich im
Zuge des arabischen Frühlings gegen ihn aufgelehnt hat. In letzter Zeit schien
es eine Art Pattsituation gegeben zu haben, mal kämpften sich die Rebellen vor,
mal schlug Assad zurück. Millionen Menschen sind bereits geflüchtet und es gab
unzählige zivile Opfer.
Die große
Frage war nun, wie steht die Weltgemeinschaft zu dem ganzen Thema? Die Antwort:
Tief gespalten. Auf der einen Seite "der Westen" mit dem
Meinungsführer USA. Deren Präsident Barack Obama hatte sich eine ganze Zeit
sehr zurückhaltend zu dem Thema geäußert, wohlwissend, dass Krieg das letzte
ist, was seine Bürger jetzt brauchen, wo sie doch immer noch ihre eigenen
Probleme in Form der Überwältigung der Finanzkrise haben. Doch auf der anderen
Seite wuchs der politische Druck auf Obama, Stellung zu beziehen. So ließ sich
dieser zu der Aussage drängen, dass, wenn in Syrien die "rote Linie",
also der Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen, überschritten würde,
sich die USA genötigt fühlen würden, in den Konflikt einzugreifen. Dieser
Ansicht stimmten dann auch diverse andere westliche Staaten, wie z.B. Großbritannien,
zu. Auf der anderen Seite befinden sich die Länder, die mehr oder weniger offen
zu Assad stehen, namentlich hervorzuheben sind dort China und besonders
Russland. Diese hatten bisher recht gute Beziehungen zu dem Regime, war es doch
eine gute Einnahmequelle für militärische Exporte und dergleichen. Als nun der
Konflikt voranschritt und im UNO Sicherheitsrat ein härteres Vorgehen gegen das
Regime diskutiert wurde, ist dieses regelmäßig an den Vetos der beiden
Großmächte gescheitert.
Ein weiteres
Problem in diesem eh schon brisanten Konflikt trat im Laufe der Zeit ebenfalls
immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit, mein Kotzgrund Nummer 2: Die Rebellen.
Wurde die
Revolution möglicherweise noch durch Menschen gestartet, die mit demokratischen
Mitteln eine neue Regierung einsetzen wollten, so wandelte sich die
Zusammensetzung der Rebellen mit der Zeit immer mehr. Inzwischen gibt es viele
verschiedene Gruppen, die zwar das Ziel eint, Baschar al-Assad abzusetzen,
jedoch gibt es unzählige Vorstellungen davon, was in der Zeit danach passieren
soll. Unter diesen Leuten sind auch viele Gruppen, die dem Westen nicht gerade
wohlgesonnen sind.
Sollte es
also zu einem Eingriff des Westens kommen, wie kann dann sichergestellt werden,
dass man die Pest nicht durch Cholera ersetzt? Die USA haben dies zumindest versucht
und die angeblich "guten" Rebellen mit Waffen versorgt. Ob es ihnen
gelungen ist, sei mal dahingestellt.
Springen wir
nun zu den aktuellen Ereignissen. Inzwischen scheint es als gesichert, dass in
Syrien Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt wurde. Wir erinnern uns, Barack
Obama hatte dies als die rote Linie bezeichnet, die nicht überschritten werden
dürfe. Weiterhin behindert das Assad Regime die unabhängigen Inspekteure der
UNO, so dass sie erst Tage nach dem Angriff Untersuchungen in dem betroffenen
Gebiet vornehmen können, um die Meldungen zu bestätigen. Auf dem Weg dorthin
wurde zudem vermeldet, dass der UNO Konvoi von Heckenschützen angegriffen
wurde. Nichtsdestotrotz werden die Untersuchungen schließlich durchgeführt und
der Giftgaseinsatz wird tatsächlich bestätigt. Die Drähte zwischen Washington
und seinen Partnern laufen inzwischen heiß, ein militärisches Eingreifen
scheint unumgänglich und muss dementsprechend koordiniert werden.
Herzlich
willkommen zu Kotzgrund Nummer 3:
Die UNO hat
festgestellt, dass Giftgas eingesetzt wurde. Dies war das einzige Ziel der
Aufklärungsmission. Es wurde, zumindest von den UNO Inspekteuren, anscheinend
keine Aussage darüber gemacht, von wem dieser Angriff ausging. Die erste
Vermutung ist natürlich, dass das Assad Regime dafür verantwortlich zeichnet
und würde ich mit einer Knarre am Kopf gezwungen, mich zu entscheiden, würde
ich wahrscheinlich auch dorthin tendieren. Es muss jedoch auch das
Gedankenspiel erlaubt sein, die Möglichkeit einer Rebellenaktion in Betracht zu
ziehen. Diese versuchen mit allen möglichen Mitteln, Baschar al-Assad
bloßzustellen und ihm zu schaden. Wer kann denn ausschließen, dass diese zu
allem bereiten Rebellen nicht im Zuge ihres Vormarsches auf ein Waffenlager mit
entsprechenden Bomben gestoßen sind und diese nun einsetzen um Assad noch
weiter zu diskreditieren?
Dies ist
wiederum die Aufgabe der Geheimdienste, welche sich in der letzten Zeit jedoch
nicht sonderlich großer Beliebtheit erfreut haben. In der Natur der Sache liegt
es dementsprechend auch, dass die Öffentlichkeit, wenn überhaupt, nur die
Ergebnisse der Arbeit der Geheimdienste präsentiert bekommt, nicht aber das
genaue wie und woher. So lassen die westlichen Regierungen inzwischen keinen
Zweifel daran, dass sie überzeugt davon sind, dass Assad der Urheber des
Angriffes ist, gleichzeitig wundert sich die Öffentlichkeit über diese
scheinbare Gewissheit darüber.
Damit wären
wir auch schon bei Kotzgrund Nummer 4 angekommen: Die Öffentlichkeit
Besonders in
Deutschland tut man sich immer sehr schwer mit militärischen Einsetzen,
schließlich trägt man immer noch die historische Last mit sich herum und ist
zudem noch stark von den jüngsten Kriegseinsätzen geprägt. Dies sehe ich
prinzipiell auch als eine gute Sache an, denn was passiert, wenn man vorschnell
in einen Krieg prescht, kann sich nun jeder im Irak oder in Afghanistan
angucken. Gleichzeitig Sollte man aber auch die Beispiele Kosovo oder Ruanda im
Kopf behalten. Dort hat man sich entweder trotz fehlendem UNO Mandats zu einem
militärischen Eingreifen entschieden, was rückblickend wahrscheinlich als die
richtige Entscheidung angesehen wird (Kosovo) bzw. es gab heftige Kritik, weil
eben nicht eingegriffen wurde, als Regierungstruppen im eigenen Land Teile der
Bevölkerung niedergemetzelt haben (Ruanda). Es gibt halt immer zwei Seiten einer
Medaille und welche die richtige ist, findet man meist erst dann heraus, wenn
es zu spät ist.
Gerade unter
solchen Umständen finde ich es hochgradig vermessen, sich hinzustellen und sich
so zu präsentieren, als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen. Von
Kriegstreiberei ist da die Rede, von unkritischen Medien, die den Regierungen
aus der Hand fressen. Die Einstellung scheint zu sein "Was scheren uns ein
paar Araber, die sich im nahen Osten die Köpfe einschlagen". Schließlich
wird alles wieder auf die USA geschoben, die nur wieder unbedingt einen Krieg
wollen, um ihre Interessen durchzusetzen.
Dabei
sollten man sich einmal die Frage stellen, was das denn für Interessen sein
sollen? Die Reputation der USA ist gerade im steilen Sturzflug, welcher sich bei
einem großangelegten Kriegseinsatz noch weiter zuspitzen würde, die Bevölkerung
ist nach dem Irak und Afghanistan kriegsmüde und würde einen langwierigen
Einsatz nicht mittragen. Außerdem würde ein hartes Eingreifen die Lage in der
gesamten Region ungemein verschärfen, wie man an den Drohungen aus dem Iran
bereits erkennen kann. Die Reaktion Russlands ist in dem ganzen Spiel auch noch
zu beachten. Mir ist zudem auch nicht
bekannt, dass Syrien auf besonders profitablen Ölquellen sitzen würde, welche
von wirtschaftlichem Interesse der USA sein könnten, zumal diese sich gerade
durch das Fracking und andere neue Erschließungen mehr und mehr unabhängig vom
arabischen Öl machen.
Wahrscheinlich
werden mich viele Menschen als naiv belächeln, wenn ich sage, dass es durchaus
sein kann, dass ein Eingreifen von westlichen Truppen, wenn es denn überhaupt
dazu kommen sollte, tatsächlich moralisch begründet sein könnte. Dass dies
nicht der einzige und alleinige Grund für einen wie auch immer gearteten
militärischen Einsatz ist und sein kann, ist mir auch bewusst, allerdings
unterstelle ich ihn als Hauptantriebskraft. Hinzu kommt der Zugzwang durch die
Definition einer roten Linie, welche nun ja anscheinend überschritten wurde.
Aufgrund der
aber zuvor angeführten "nicht vorhandenen Interessen" wird es
wahrscheinlich so aussehen, dass, wenn eingegriffen wird, dies lediglich aus
der Distanz geschehen wird. Man wird mit Präzisionsraketen einige Stellungen
des Regimes beschießen und sich anschließend auf die Schultern klopfen, weil
man der moralischen Verpflichtung nachgekommen ist, ohne großartige eigene
Verluste beklagen zu müssen. Das überlässt man dann den Rebellen auf dem Boden.
Ob diese Aktion ihnen aber auch wirklich etwas bringen würde, ist ein ganz
anderes Paar Schuhe. Ich befürchte nämlich eher nicht.
Ich bin ganz
ehrlich, ich bin froh, dass ich eine solche Entscheidung nicht fällen muss,
kann aber sowohl einen Entschluss für, als auch gegen einen Kriegseinsatz
nachvollziehen. Die ganze Situation ist so verzwickt, dass niemand mit
Gewissheit sagen, kann, was zum einen wirklich wahr ist und wie es zum anderen
weitergehen wird. Sicher ist nur, egal was man macht, im Nachhinein wird es
immer genug Leute geben, die ganz laut schreien, dass sie es von Anfang an
besser gewusst haben und dass der aktuelle Weg die schlechtest mögliche Wahl
war. Und sowas kotzt mich wirklich an!
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