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Dienstag, 27. August 2013

Der Syrienkonflikt oder die Frage, was mich am meisten ankotzt



Manchmal könnte ich kotzen. Gut, da bin ich wahrscheinlich nicht alleine mit auf der Welt, aber es kommt ja auch auf den Anlass an. Es geht diesmal um den kranken Zustand unserer Welt im Allgemeinen und im nahen Osten im Speziellen. 

Kommen wir zum Kotzgrund Nummer 1:
Seit über einem Jahr führt der syrische Herrscher  Baschar al-Assad Krieg gegen sein eigenes Volk, welches sich im Zuge des arabischen Frühlings gegen ihn aufgelehnt hat. In letzter Zeit schien es eine Art Pattsituation gegeben zu haben, mal kämpften sich die Rebellen vor, mal schlug Assad zurück. Millionen Menschen sind bereits geflüchtet und es gab unzählige zivile Opfer.
Die große Frage war nun, wie steht die Weltgemeinschaft zu dem ganzen Thema? Die Antwort: Tief gespalten. Auf der einen Seite "der Westen" mit dem Meinungsführer USA. Deren Präsident Barack Obama hatte sich eine ganze Zeit sehr zurückhaltend zu dem Thema geäußert, wohlwissend, dass Krieg das letzte ist, was seine Bürger jetzt brauchen, wo sie doch immer noch ihre eigenen Probleme in Form der Überwältigung der Finanzkrise haben. Doch auf der anderen Seite wuchs der politische Druck auf Obama, Stellung zu beziehen. So ließ sich dieser zu der Aussage drängen, dass, wenn in Syrien die "rote Linie", also der Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen, überschritten würde, sich die USA genötigt fühlen würden, in den Konflikt einzugreifen. Dieser Ansicht stimmten dann auch diverse andere westliche Staaten, wie z.B. Großbritannien, zu. Auf der anderen Seite befinden sich die Länder, die mehr oder weniger offen zu Assad stehen, namentlich hervorzuheben sind dort China und besonders Russland. Diese hatten bisher recht gute Beziehungen zu dem Regime, war es doch eine gute Einnahmequelle für militärische Exporte und dergleichen. Als nun der Konflikt voranschritt und im UNO Sicherheitsrat ein härteres Vorgehen gegen das Regime diskutiert wurde, ist dieses regelmäßig an den Vetos der beiden Großmächte gescheitert.

Ein weiteres Problem in diesem eh schon brisanten Konflikt trat im Laufe der Zeit ebenfalls immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit, mein Kotzgrund Nummer 2: Die Rebellen.
Wurde die Revolution möglicherweise noch durch Menschen gestartet, die mit demokratischen Mitteln eine neue Regierung einsetzen wollten, so wandelte sich die Zusammensetzung der Rebellen mit der Zeit immer mehr. Inzwischen gibt es viele verschiedene Gruppen, die zwar das Ziel eint, Baschar al-Assad abzusetzen, jedoch gibt es unzählige Vorstellungen davon, was in der Zeit danach passieren soll. Unter diesen Leuten sind auch viele Gruppen, die dem Westen nicht gerade wohlgesonnen sind.
Sollte es also zu einem Eingriff des Westens kommen, wie kann dann sichergestellt werden, dass man die Pest nicht durch Cholera ersetzt? Die USA haben dies zumindest versucht und die angeblich "guten" Rebellen mit Waffen versorgt. Ob es ihnen gelungen ist, sei mal dahingestellt.

Springen wir nun zu den aktuellen Ereignissen. Inzwischen scheint es als gesichert, dass in Syrien Giftgas gegen die Bevölkerung eingesetzt wurde. Wir erinnern uns, Barack Obama hatte dies als die rote Linie bezeichnet, die nicht überschritten werden dürfe. Weiterhin behindert das Assad Regime die unabhängigen Inspekteure der UNO, so dass sie erst Tage nach dem Angriff Untersuchungen in dem betroffenen Gebiet vornehmen können, um die Meldungen zu bestätigen. Auf dem Weg dorthin wurde zudem vermeldet, dass der UNO Konvoi von Heckenschützen angegriffen wurde. Nichtsdestotrotz werden die Untersuchungen schließlich durchgeführt und der Giftgaseinsatz wird tatsächlich bestätigt. Die Drähte zwischen Washington und seinen Partnern laufen inzwischen heiß, ein militärisches Eingreifen scheint unumgänglich und muss dementsprechend koordiniert werden.

Herzlich willkommen zu Kotzgrund Nummer 3:
Die UNO hat festgestellt, dass Giftgas eingesetzt wurde. Dies war das einzige Ziel der Aufklärungsmission. Es wurde, zumindest von den UNO Inspekteuren, anscheinend keine Aussage darüber gemacht, von wem dieser Angriff ausging. Die erste Vermutung ist natürlich, dass das Assad Regime dafür verantwortlich zeichnet und würde ich mit einer Knarre am Kopf gezwungen, mich zu entscheiden, würde ich wahrscheinlich auch dorthin tendieren. Es muss jedoch auch das Gedankenspiel erlaubt sein, die Möglichkeit einer Rebellenaktion in Betracht zu ziehen. Diese versuchen mit allen möglichen Mitteln, Baschar al-Assad bloßzustellen und ihm zu schaden. Wer kann denn ausschließen, dass diese zu allem bereiten Rebellen nicht im Zuge ihres Vormarsches auf ein Waffenlager mit entsprechenden Bomben gestoßen sind und diese nun einsetzen um Assad noch weiter zu diskreditieren?
Dies ist wiederum die Aufgabe der Geheimdienste, welche sich in der letzten Zeit jedoch nicht sonderlich großer Beliebtheit erfreut haben. In der Natur der Sache liegt es dementsprechend auch, dass die Öffentlichkeit, wenn überhaupt, nur die Ergebnisse der Arbeit der Geheimdienste präsentiert bekommt, nicht aber das genaue wie und woher. So lassen die westlichen Regierungen inzwischen keinen Zweifel daran, dass sie überzeugt davon sind, dass Assad der Urheber des Angriffes ist, gleichzeitig wundert sich die Öffentlichkeit über diese scheinbare Gewissheit darüber. 

Damit wären wir auch schon bei Kotzgrund Nummer 4 angekommen: Die Öffentlichkeit
Besonders in Deutschland tut man sich immer sehr schwer mit militärischen Einsetzen, schließlich trägt man immer noch die historische Last mit sich herum und ist zudem noch stark von den jüngsten Kriegseinsätzen geprägt. Dies sehe ich prinzipiell auch als eine gute Sache an, denn was passiert, wenn man vorschnell in einen Krieg prescht, kann sich nun jeder im Irak oder in Afghanistan angucken. Gleichzeitig Sollte man aber auch die Beispiele Kosovo oder Ruanda im Kopf behalten. Dort hat man sich entweder trotz fehlendem UNO Mandats zu einem militärischen Eingreifen entschieden, was rückblickend wahrscheinlich als die richtige Entscheidung angesehen wird (Kosovo) bzw. es gab heftige Kritik, weil eben nicht eingegriffen wurde, als Regierungstruppen im eigenen Land Teile der Bevölkerung niedergemetzelt haben (Ruanda). Es gibt halt immer zwei Seiten einer Medaille und welche die richtige ist, findet man meist erst dann heraus, wenn es zu spät ist.
Gerade unter solchen Umständen finde ich es hochgradig vermessen, sich hinzustellen und sich so zu präsentieren, als hätte man die Weisheit mit Löffeln gefressen. Von Kriegstreiberei ist da die Rede, von unkritischen Medien, die den Regierungen aus der Hand fressen. Die Einstellung scheint zu sein "Was scheren uns ein paar Araber, die sich im nahen Osten die Köpfe einschlagen". Schließlich wird alles wieder auf die USA geschoben, die nur wieder unbedingt einen Krieg wollen, um ihre Interessen durchzusetzen.
Dabei sollten man sich einmal die Frage stellen, was das denn für Interessen sein sollen? Die Reputation der USA ist gerade im steilen Sturzflug, welcher sich bei einem großangelegten Kriegseinsatz noch weiter zuspitzen würde, die Bevölkerung ist nach dem Irak und Afghanistan kriegsmüde und würde einen langwierigen Einsatz nicht mittragen. Außerdem würde ein hartes Eingreifen die Lage in der gesamten Region ungemein verschärfen, wie man an den Drohungen aus dem Iran bereits erkennen kann. Die Reaktion Russlands ist in dem ganzen Spiel auch noch zu beachten.  Mir ist zudem auch nicht bekannt, dass Syrien auf besonders profitablen Ölquellen sitzen würde, welche von wirtschaftlichem Interesse der USA sein könnten, zumal diese sich gerade durch das Fracking und andere neue Erschließungen mehr und mehr unabhängig vom arabischen Öl machen.
Wahrscheinlich werden mich viele Menschen als naiv belächeln, wenn ich sage, dass es durchaus sein kann, dass ein Eingreifen von westlichen Truppen, wenn es denn überhaupt dazu kommen sollte, tatsächlich moralisch begründet sein könnte. Dass dies nicht der einzige und alleinige Grund für einen wie auch immer gearteten militärischen Einsatz ist und sein kann, ist mir auch bewusst, allerdings unterstelle ich ihn als Hauptantriebskraft. Hinzu kommt der Zugzwang durch die Definition einer roten Linie, welche nun ja anscheinend überschritten wurde.
Aufgrund der aber zuvor angeführten "nicht vorhandenen Interessen" wird es wahrscheinlich so aussehen, dass, wenn eingegriffen wird, dies lediglich aus der Distanz geschehen wird. Man wird mit Präzisionsraketen einige Stellungen des Regimes beschießen und sich anschließend auf die Schultern klopfen, weil man der moralischen Verpflichtung nachgekommen ist, ohne großartige eigene Verluste beklagen zu müssen. Das überlässt man dann den Rebellen auf dem Boden. Ob diese Aktion ihnen aber auch wirklich etwas bringen würde, ist ein ganz anderes Paar Schuhe. Ich befürchte nämlich eher nicht.

Ich bin ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich eine solche Entscheidung nicht fällen muss, kann aber sowohl einen Entschluss für, als auch gegen einen Kriegseinsatz nachvollziehen. Die ganze Situation ist so verzwickt, dass niemand mit Gewissheit sagen, kann, was zum einen wirklich wahr ist und wie es zum anderen weitergehen wird. Sicher ist nur, egal was man macht, im Nachhinein wird es immer genug Leute geben, die ganz laut schreien, dass sie es von Anfang an besser gewusst haben und dass der aktuelle Weg die schlechtest mögliche Wahl war. Und sowas kotzt mich wirklich an!

    

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